Polygamie bedeutet Vielehe: Ein Mensch ist zur selben Zeit mit mehr als einer Person verheiratet. Im Alltag ist aber meist etwas anderes gemeint, etwa wenn jemand beim dritten Date sagt: „Ich glaube, ich bin eher polygam.“ Von Heirat ist dann keine Rede, sondern von einer Haltung zu Treue und Exklusivität.
Dieser Ratgeber hält beide Bedeutungen auseinander. Er erklärt die Formen der Mehrehe, die Abgrenzung zu Bigamie und Polyamorie, die Rechtslage sowie die weltweite Verbreitung und zeigt, was es für eine Beziehung heißt, wenn jemand sich polygam nennt.
Polygamie: Bedeutung einfach erklärt
Das Wort stammt aus dem Griechischen: polys heißt viel, gamos Ehe. Im Deutschen ist es seit dem 16. Jahrhundert belegt. In Fachtexten heißt sie auch Vielehe oder Mehrehe.
Entscheidend ist die Gleichzeitigkeit. Wer nach einer Scheidung wieder heiratet, lebt nicht polygam. Gemeint sind außerdem Ehen, die eine Rechtsordnung, Religion oder Gemeinschaft anerkennt. Mehrere Liebesbeziehungen ohne Trauschein fallen im fachlichen Sinn nicht darunter.
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Kostenlos registrieren💕 100.000+ Singles sind schon dabeiDaneben gibt es Bedeutungen ohne Bezug zur Ehe. In der Biologie heißen Tierarten polygam, bei denen sich einzelne Tiere mit mehreren Partnern paaren, in der Botanik Pflanzen, die zwittrige und eingeschlechtige Blüten zugleich tragen.
Polygynie, Polyandrie, Gruppenehe: die Formen der Vielehe
Polygamie ist der Oberbegriff. Je nachdem, wer mehrere Ehepartner hat, unterscheidet die Ethnologie drei Formen:
- Polygynie (griechisch gyne, Frau): Ein Mann hat mehrere Ehefrauen. Das ist mit großem Abstand die häufigste Form.
- Polyandrie (aner, Mann): Eine Frau hat mehrere Ehemänner. Am bekanntesten ist die brüderliche Polyandrie in Teilen des Himalaya, bei der Brüder gemeinsam eine Frau heiraten.
- Polygynandrie oder Gruppenehe: Mehrere Männer und mehrere Frauen sind miteinander verheiratet. Im „Ethnographic Atlas“, einer bekannten ethnologischen Datensammlung, hat sie nicht einmal eine eigene Kategorie.
Polyandrie galt lange als extreme Ausnahme. Die Anthropologen Katherine Starkweather und Raymond Hames beschrieben 2012 jedoch 53 Gesellschaften außerhalb der klassischen Regionen im Himalaya und auf den Marquesas-Inseln, die polyandrische Verbindungen zulassen, meist kleine, eher egalitäre Gemeinschaften, oft mit mehr Männern als Frauen.
Was bedeutet polygam im Alltag?
Wer sich polygam nennt, meint in aller Regel keine zweite Hochzeit, sondern eher: Ich kann mir nicht vorstellen, ein Leben lang nur mit einem Menschen zusammen zu sein. Dahinter kann Lust auf Abwechslung stehen, der Wunsch nach mehreren Liebesbeziehungen oder das Gefühl, dass Exklusivität nicht passt.
Falsch ist das nicht: Der Duden verzeichnet auch eine Bedeutung für Menschen, die ihrer Veranlagung nach auf mehrere Sexualpartner ausgerichtet sind. Unscharf bleibt es trotzdem. Genauer sind diese Begriffe:
- Nicht monogam: der Sammelbegriff, wenn Exklusivität infrage steht, aber noch kein bestimmtes Modell gemeint ist.
- Offene Beziehung: Ein Paar bleibt der emotionale Mittelpunkt, Sex mit anderen ist nach Absprache erlaubt (siehe Was ist eine offene Beziehung?).
- Polyamor: mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig, mit Wissen und Einverständnis aller.
- Promisk: häufig wechselnde Sexualpartner ohne feste Bindung, mehr dazu unter Promiskuität.
Das genauere Wort macht hörbar, ob jemand eine Eigenschaft beschreibt oder eine Vereinbarung vorschlägt. „Polygam“ klingt dagegen nach Naturanlage, als sei Treue für manche schlicht nicht vorgesehen. Ob die Forschung das stützt, steht weiter unten.
Polygamie, Bigamie, Polyamorie: der Unterschied
Die drei Begriffe im Vergleich:
- Polygamie ist eine Eheform, die eine Kultur oder Rechtsordnung zulässt.
- Bigamie ist die Doppelehe, wie sie auch im Strafgesetzbuch heißt: eine weitere Heirat, obwohl die erste Ehe noch besteht, dort, wo nur die Einehe gilt. Das Wort verbindet lateinisch bi- (zwei) mit dem griechischen Wort für heiraten.
- Polyamorie meint mehrere Liebesbeziehungen zugleich, offen und einvernehmlich, in aller Regel ohne Mehrfachehe. Wie das im Alltag funktioniert, zeigt der Ratgeber zur Polyamorie.
Juristische Fachtexte nennen eine Mehrehe, die gegen geltendes Recht verstößt, meist Bigamie, und sprechen von Polygamie, wo das Recht sie ausdrücklich erlaubt. Keine Polygamie ist übrigens die offene Ehe: Verheiratet sind dort nur zwei Menschen, die ihre Beziehung nach außen öffnen.
Polygamie in Deutschland: Was rechtlich gilt
Das deutsche Eherecht beruht auf der Einehe. Nach § 1306 BGB darf keine Ehe geschlossen werden, solange einer der beiden noch mit einer dritten Person verheiratet ist oder mit ihr in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt. Eine Befreiung von diesem Verbot gibt es nicht.
Kommt eine Doppelehe trotzdem zustande, ist sie nicht automatisch unwirksam, kann aber nach § 1314 BGB gerichtlich aufgehoben werden, auf Antrag der Eheleute, der Person aus der ersten Ehe oder der zuständigen Behörde. Strafbar ist sie außerdem: § 172 StGB sieht bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe vor, für die bereits verheiratete Person wie für die, die sie bewusst heiratet. Das gilt nach herrschender Auffassung auch für Menschen, deren Heimatrecht die Mehrehe erlaubt, wenn sie hier heiraten.
Anders liegt es bei Ehen, die im Ausland wirksam geschlossen wurden. Ob eine Ehe gültig ist, richtet sich grundsätzlich nach dem Heimatrecht der Eheleute (Art. 13 EGBGB). War die Mehrehe dort erlaubt, wird sie nach herrschender Meinung auch hier anerkannt, und § 172 StGB greift nicht. Daraus können Unterhaltsansprüche entstehen, und der gesetzliche Erbteil wird unter den Ehegatten aufgeteilt, ebenso eine Witwenrente (§ 34 SGB I). Wurde die erste Ehe dagegen nach deutschem Recht geschlossen, wird eine spätere Zweitehe im Ausland nicht voll anerkannt.
- Aufenthalt: Lebt jemand bereits mit einem seiner Ehegatten in Deutschland, erhält kein weiterer Ehegatte eine Aufenthaltserlaubnis über den Ehegattennachzug (§ 30 Abs. 4 AufenthG).
- Einbürgerung: Wer gleichzeitig mit mehreren Menschen verheiratet ist, kann seit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts 2024 nicht eingebürgert werden (§ 11 StAG). Als Hindernis galt die Mehrehe schon seit 2019.
- Religiöse Trauung: Rechtlich heiratet man in Deutschland nur vor dem Standesamt (§ 1310 BGB). Eine nur religiös geschlossene Zweitehe ist rechtlich keine Ehe; die sogenannte Zweitfrau gilt etwa beim Bürgergeld meist als alleinstehend.
Das ist ein Überblick, keine Rechtsberatung; gerade bei Auslandsbezug entscheidet der Einzelfall. Was eine Ehe hierzulande grundsätzlich regelt, ordnet der Beitrag Heiraten ja oder nein ein.
Wo die Mehrehe erlaubt ist und wo sie gelebt wird
Für die Verbreitung hat das Pew Research Center Volkszählungen und Umfragen aus 130 Ländern und Territorien ausgewertet. Stephanie Kramer fasste 2020 zusammen: Nur rund zwei Prozent der Weltbevölkerung wohnen in einem polygamen Haushalt, in den meisten Ländern weniger als ein halbes Prozent. Leben zwei Ehefrauen getrennt, zählt der Haushalt nicht als polygam.
Verbreitet ist die Mehrehe vor allem in einem Gürtel west- und zentralafrikanischer Staaten, die sie zumindest teilweise erlauben. In Burkina Faso leben 36 Prozent der Menschen in polygamen Haushalten, in Mali 34 und in Nigeria 28 Prozent. An einer einzelnen Religion liegt das nicht: In Burkina Faso gilt das für 45 Prozent der Anhänger traditioneller Religionen, 40 Prozent der Muslime und 24 Prozent der Christen. Im Tschad leben Christen sogar häufiger so als Muslime.
Umgekehrt heißt erlaubt nicht gelebt. In weiten Teilen des Nahen Ostens und Asiens ist die Mehrehe legal, aber selten: In Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Iran und Ägypten wohnt weniger als ein Prozent der muslimischen Männer mit mehr als einer Ehefrau zusammen. Der Koran erlaubt in Sure 4, Vers 3 bis zu vier Ehefrauen, sofern alle gerecht behandelt werden. Staaten gehen damit verschieden um: Die Türkei schaffte die Mehrehe 1926 ab, Tunesien 1956, Marokko verlangt seit 2004 eine richterliche Erlaubnis. Auch die Hebräische Bibel kennt Männer mit mehreren Frauen, etwa Jakob, und in den USA praktizierte die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die Mehrehe bis Ende des 19. Jahrhunderts.
Ein zentraler Einwand betrifft die Gleichberechtigung, denn wo Mehrehen erlaubt sind, gilt das in aller Regel nur für Männer. Der UN-Menschenrechtsausschuss hielt im Jahr 2000 fest, Polygamie verletze die Würde von Frauen und diskriminiere sie, und forderte ihre Abschaffung. Befürworter verweisen auf die religiöse Überlieferung und darauf, dass die islamische Regel in einer Zeit mit vielen Kriegswitwen und Waisen entstanden sein soll.
Ist der Mensch von Natur aus polygam?
Oft zitiert wird der „Ethnographic Atlas“, in dem der US-Anthropologe George P. Murdock 1967 Hunderte Gesellschaften unter anderem nach Eheformen einordnete. In den heute digitalisierten Daten dieser Ausgabe erlauben rund 84 Prozent der gut 840 erfassten Gesellschaften die Polygynie, knapp 16 Prozent gelten als monogam, nur vier als polyandrisch.
Doch in fast der Hälfte der polygynen Gesellschaften kam die Mehrehe nur gelegentlich vor. Joseph Henrich, Robert Boyd und Peter Richerson betonten 2012, dass in eher gleichrangigen Gemeinschaften wie bei den meisten Jägern und Sammlern nur wenige Männer genug Ansehen für weitere Frauen erreichten; mehr Mehrehen erwarten sie bei großen Unterschieden im Wohlstand. Die Ausbreitung der Einehe deuten sie als kulturelle Entwicklung, die Gesellschaften Vorteile verschafft habe, etwa weniger Kriminalität. Das ist eine einflussreiche These, kein abschließender Befund.
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Kostenlos testen →⭐ Von über 100.000 Singles empfohlenDie Anthropologen Ryan Schacht und Karen Kramer kamen 2019 zu dem Schluss, dass innerhalb einer Gesellschaft praktisch immer die Einehe überwiegt, auch wo mehrere Frauen erlaubt sind. Die feste Paarbindung finde sich fast überall, am häufigsten als serielle Monogamie, also als mehrere Partnerschaften nacheinander.
Die Daten zeigen also, was Gesellschaften erlaubten, nicht, wie einzelne Menschen veranlagt sind. Der verbreitete Satz, Männer seien von Natur aus polygam und Frauen monogam, lässt sich damit nicht belegen, ein „von Natur aus treu“ aber ebenso wenig. Die Gegenfrage, wie natürlich die Einehe ist, stellt der Beitrag Was ist Monogamie?
Polygam veranlagt? Was das für deine Beziehung heißt
Vielleicht hast du den Satz gehört, vielleicht denkst du ihn selbst. In beiden Fällen ist er eher ein Gesprächsanfang als eine Feststellung. Diese Fragen helfen beim Übersetzen:
- Worum geht es genau: Sex mit anderen, Verliebtsein, Freiheit oder das Gefühl, sich nicht festlegen zu wollen?
- Soll das Gewünschte für beide gelten oder nur für einen?
- Was heißt das für das, was ihr einander bisher zugesagt habt?
Ein solcher Wunsch verdient Ernst, genauso wie das Bedürfnis der anderen Person nach Exklusivität. Keiner der beiden wiegt schwerer, nur weil er sich auf die Natur beruft. Es hilft, Wünsche als Wünsche zu formulieren: „Ich sehne mich nach mehr Freiheit“ lässt Raum für eine Antwort, „Ich bin halt so“ kaum.
Manche Paare entscheiden sich danach bewusst für die Einehe (siehe Monogam leben), andere öffnen ihre Beziehung oder probieren Polyamorie aus. Eifersucht kann dabei auf jedem Weg auftauchen; wie du ihr begegnest, zeigt Eifersucht loslassen. Heiraten können in Deutschland nur zwei Menschen, eine Beziehung führen auch mehrere.
Häufige Fragen
Was ist Polygamie einfach erklärt?
Polygamie heißt, dass ein Mensch zur selben Zeit mit mehreren Menschen verheiratet ist, meist ein Mann mit mehreren Frauen. Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet Vielehe. Umgangssprachlich nennen sich auch Menschen polygam, die mehr als eine Beziehung möchten.
Was versteht man unter Polygamie?
Fachlich versteht man darunter die gleichzeitige Ehe mit mehreren Partnern, auch Mehrehe genannt. Unterschieden werden Polygynie (ein Mann, mehrere Frauen), Polyandrie (eine Frau, mehrere Männer) und die seltene Gruppenehe. In der Biologie bezeichnet der Begriff zudem Paarungssysteme von Tieren.
In welchen Ländern ist Polygamie legal?
Erlaubt ist die Mehrehe vor allem in Teilen Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens, meist nur für Männer und teils unter Auflagen. Am verbreitetsten ist sie in West- und Zentralafrika, etwa in Burkina Faso, Mali und Nigeria. In Pakistan oder Ägypten etwa ist sie für Muslime legal, aber selten. In Deutschland ist sie verboten.
Was ist der Unterschied zwischen Bigamie und Polygamie?
Bigamie ist die Doppelehe: Jemand heiratet erneut, obwohl die bestehende Ehe nicht aufgelöst ist, in einem Land, das nur die Einehe kennt. Polygamie ist der Oberbegriff für Mehrehen, die eine Kultur oder Rechtsordnung zulässt. In Deutschland ist Bigamie nach § 172 StGB strafbar.
Ist Polygamie in Deutschland erlaubt?
Nein. Solange eine Ehe besteht, darf keine weitere geschlossen werden (§ 1306 BGB); die Doppelehe ist nach § 172 StGB mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bedroht. Im Ausland wirksam geschlossene Mehrehen können aber teilweise anerkannt werden, etwa beim Erbe oder bei der Witwenrente.
Was ist der Unterschied zwischen Polygamie und Polyamorie?
Polygamie ist eine Eheform: Ein Mensch ist mit mehreren Partnern verheiratet. Polyamorie meint mehrere Liebesbeziehungen zur selben Zeit, mit Wissen und Zustimmung aller und meist ohne Trauschein. Polygame Ehen sind fast immer Polygynie und folgen Recht oder Tradition, polyamore Beziehungen handeln die Beteiligten selbst aus.
Fazit: Ein Wort mit zwei Bedeutungen
Im engen Sinn ist Polygamie eine Eheform: in Deutschland verboten, weltweit in einigen Regionen erlaubt und nur in wenigen verbreitet. Selbst wo sie verbreitet ist, lebt die Mehrheit in Einehen. Im Alltag steht „polygam“ dagegen für eine Einstellung zu Treue und Exklusivität. Fällt der Satz in deiner Beziehung, ist er der Anfang eines Gesprächs über Bedürfnisse, nicht dessen Ergebnis.
Quellen & weiterführende Literatur
- (2020): Polygamy is rare around the world and mostly confined to a few regions. Pew Research Center
- (1967): Ethnographic Atlas. University of Pittsburgh Press
- (2019): Are we monogamous? A review of the evolution of pair-bonding in humans and its contemporary variation cross-culturally. Frontiers in Ecology and Evolution, 7, 230







