Sokrates Zitate: echte Sätze mit Fundstelle und 7 Fakes

Sokrates Zitate mit Werk und Stelle: was Platon und Xenophon wirklich überliefern, was späte Anekdote ist und welche beliebten Sprüche erfunden wurden.

von Markus Lehner16 Min. Lesezeit
Sokrates Zitate: echte Sätze mit Fundstelle und 7 Fakes
Inhalt 9 Abschnitte
  1. Woher Sokrates Zitate stammen: Platon, Xenophon und spätere Anekdoten
  2. Sokrates Zitate über das gute Leben
  3. Zitate von Sokrates über Wissen, Staunen und Fragen
  4. Sokrates Weisheiten über Gerechtigkeit und Unrecht
  5. Sokrates über Tod und Angst: seine letzten Worte
  6. Sokrates Sprüche über Liebe und Freundschaft
  7. Über Reden, Zuhören und Schweigen
  8. Sokrates zugeschrieben, aber nicht von ihm: 7 bekannte Fakes
  9. Sokrates richtig zitieren: Werk, Stephanus-Seite, Übersetzung

Sokrates Zitate gehören zu den meistgeteilten Weisheiten überhaupt, und trotzdem hat der Athener selbst keine einzige Zeile hinterlassen. Alles, was du unter seinem Namen liest, haben andere aufgeschrieben, vor allem seine Schüler Platon und Xenophon. Deshalb bekommst du hier jedes Zitat mit Werk und Stelle, sortiert nach Themen: das gute Leben, Wissen und Staunen, Gerechtigkeit, Tod, Liebe und Freundschaft, Reden und Schweigen. Danach folgen sieben beliebte Sprüche, die nachweislich nicht von Sokrates stammen, und eine kurze Anleitung, wie du ihn sauber zitierst.

Wörtlich zitieren wir nur gemeinfreie Übersetzungen: Friedrich Schleiermacher für Apologie, Kriton, Phaidon und Theaitetos, außerdem Julius Deuschle (Gorgias, 1859), Franz Susemihl (Symposion, 1855) und Ludwig Georgii (Phaidros, 1853). Die alte Schreibung („daß“) bleibt stehen. Wo wir selbst übersetzen oder zusammenfassen, steht „sinngemäß“. Die Zahlen-Buchstaben-Kombinationen wie 38a sind die Stephanus-Seiten, nach denen man Platon weltweit zitiert.

Woher Sokrates Zitate stammen: Platon, Xenophon und spätere Anekdoten

Sokrates lebte etwa von 469 bis 399 vor unserer Zeitrechnung in Athen. Er diskutierte auf dem Markt, in Werkstätten und bei Gastmählern, nahm kein Geld für seinen Unterricht und schrieb, soweit wir wissen, keine Bücher. Eine kleine Ausnahme erwähnt Platon selbst: Im Gefängnis soll Sokrates kurz vor seinem Tod Fabeln des Äsop in Verse gebracht und ein Lied auf Apollon gedichtet haben (Phaidon 60c–61b). Erhalten ist davon nichts.

Unser Bild von ihm setzt sich aus Quellen zusammen, die man unterschiedlich gewichten sollte:

  • Platon schrieb Dialoge, in denen Sokrates fast immer die Hauptfigur ist. Das sind literarische Werke, keine Gesprächsprotokolle. Je später der Dialog, desto mehr spricht Platon vermutlich mit eigener Stimme durch seinen Lehrer.
  • Xenophon, ebenfalls ein Schüler, überliefert in den Erinnerungen an Sokrates (lateinisch Memorabilien), im Symposion und einer eigenen Apologie einen praktischeren, bodenständigeren Sokrates.
  • Aristophanes machte ihn 423 v. Chr. in der Komödie Die Wolken zur Witzfigur. Das ist Satire, keine Quelle für Zitate.
  • Diogenes Laertius sammelte, vermutlich im 3. Jahrhundert nach Christus, Anekdoten über Philosophen. Bei ihm stehen viele schlagfertige Kurzsätze, aber gut sechs Jahrhunderte nach Sokrates’ Tod.

Für jedes Zitat ergeben sich daraus drei Stufen. Überliefert heißt: Es steht bei Platon oder Xenophon im Mund des Sokrates. Anekdotisch heißt: Ein später Autor erzählt es, ein früherer Beleg fehlt. Falsch zugeschrieben heißt: Der Satz stammt nachweislich von jemand anderem oder taucht erst in der Neuzeit auf. Diese Einteilung findest du bei jedem Zitat in diesem Artikel wieder. Nach demselben Prinzip sind auch unsere Konfuzius Zitate mit Buch und Abschnitt aufgebaut, denn der chinesische Lehrer hat ebenfalls nichts Eigenes hinterlassen.

Sokrates Zitate über das gute Leben

Der vielleicht wichtigste Satz für das Selbstverständnis des Sokrates fällt in seiner Verteidigungsrede, nachdem ihn die Richter bereits schuldig gesprochen haben. Er könnte um Verbannung bitten und schweigen. Er lehnt ab, weil ein Leben ohne Gespräch und Prüfung für ihn keines wäre:

„… ein Leben ohne Selbsterforschung aber gar nicht verdient, gelebt zu werden.“ – Platon, Apologie 38a

Im Netz kursiert die Stelle meist als „Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert“. Das trifft den griechischen Wortlaut gut, nur ist mit „prüfen“ kein strenges Selbstgericht gemeint. Gemeint ist das tägliche Gespräch über die Frage, was gut ist, mit anderen und mit sich selbst. Weitere überlieferte Sätze zum guten Leben:

  • „… daß man nämlich nicht das Leben am höchsten achten muß, sondern das gut Leben.“ – Platon, Kriton 48b. Kriton hat die Flucht aus dem Gefängnis vorbereitet. Sokrates erinnert ihn an diesen Grundsatz und bleibt.
  • „… schämst du dich nicht, für Geld zwar zu sorgen, wie du dessen aufs meiste erlangest, und für Ruhm und Ehre; – für Einsicht aber und Wahrheit und für deine Seele, daß sie sich aufs beste befinde, sorgst du nicht …?“ – Platon, Apologie 29d–e. So, sagt er, spreche er jeden Athener an, den er trifft.
  • „… wie nicht aus dem Reichtum die Tugend entsteht, sondern aus der Tugend der Reichtum und alle andern menschlichen Güter …“ – Platon, Apologie 30b
  • „Verleihet mir, schön zu werden im Innern, was ich aber von außen her habe, daß es dem Inneren befreundet sei! Für reich aber möge ich den Weisen achten.“ – Platon, Phaidros 279b–c, das Gebet des Sokrates an den Hirtengott Pan.
  • Sinngemäß Xenophon, Memorabilien 1,6,10: Nichts zu brauchen sei göttlich, möglichst wenig zu brauchen komme dem Göttlichen am nächsten. Sokrates antwortet damit dem Sophisten Antiphon, der ihm sein karges Leben vorhält.
  • Anekdotisch, Diogenes Laertius 2,25: Beim Anblick der vielen Waren auf dem Markt soll Sokrates zu sich gesagt haben, wie viele Dinge er doch nicht brauche.

Diese Sätze predigen keinen Verzicht um seiner selbst willen. Sokrates geht es um eine Rangfolge: erst die Seele, dann Ansehen und Besitz. Wer einen ähnlichen Gedanken in römischer Form sucht, findet ihn bei den Seneca Zitaten, der sich in seinen Briefen immer wieder auf Sokrates beruft.

Zitate von Sokrates über Wissen, Staunen und Fragen

Sokrates sah sich nicht als Lehrer, der Wissen weitergibt. Im Theaitetos vergleicht er sich mit seiner Mutter Phainarete, einer Hebamme: Er selbst bringe keine Weisheit zur Welt, helfe aber anderen, ihre Gedanken zu gebären, und prüfe dann, ob das Neugeborene lebensfähig sei oder nur ein Trugbild (Theaitetos 149a–151d, sinngemäß). Daher stammt der Ausdruck Hebammenkunst, griechisch Mäeutik.

„Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, die Verwunderung; ja es gibt keinen andern Anfang der Philosophie als diesen …“ – Platon, Theaitetos 155d

Der junge Theaitetos hat gerade zugegeben, dass ihm bei manchen Fragen regelrecht schwindlig wird. Sokrates lobt ihn dafür. Staunen ist hier kein naives Gefühl, sondern der Moment, in dem eine Selbstverständlichkeit wackelt.

  • „Noch immer bin ich nicht soweit, dem Delphischen Spruch gemäß mich selber zu kennen.“ – Platon, Phaidros 229e. Wichtig: „Erkenne dich selbst“ ist keine Erfindung des Sokrates, sondern eine Inschrift am Apollon-Tempel in Delphi, auf die er sich beruft.
  • Anekdotisch, Diogenes Laertius 2,31: Es gebe nur ein Gut, das Wissen, und nur ein Übel, die Unwissenheit. Eine zugespitzte Fassung dessen, was Platons Sokrates ausführlicher begründet.

Der berühmteste Gedanke, der Sokrates zugeschrieben wird, stammt aus der Prüfung eines Orakelspruchs. In der Apologie (21d) bilanziert er nach einem Gespräch mit einem Politiker, er sei um genau eine Kleinigkeit weiser: „daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“ Die knappe Formel „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ steht so nicht bei Platon, sie ist eine spätere Verdichtung. Was sie bedeutet, warum sie paradox klingt und wie sie entstanden ist, klärt unser eigener Beitrag zu „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

Sokrates Weisheiten über Gerechtigkeit und Unrecht

Die radikalste These des platonischen Sokrates betrifft das Unrecht. Im Gorgias hält ihm der junge Polos vor, ein Tyrann, der tun kann, was er will, sei doch zu beneiden. Sokrates widerspricht:

„Ich wollte keines von beiden. Wenn ich aber notwendig Unrecht tun oder leiden müßte, so würde ich das Leiden dem Tun vorziehen.“ – Platon, Gorgias 469c

Kurzfassungen wie „Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun“ treffen den Kern, lassen aber den ersten Satz weg: Sokrates wünscht sich keines von beidem. Er feiert das Leiden nicht, er ordnet nur die Übel. Die gleiche Haltung zeigt sich im Gefängnis:

  • „Also auch nicht der, dem Unrecht geschehen ist, darf wieder Unrecht tun, wie die meisten glauben, wenn man doch auf keine Weise Unrecht tun darf?“ – Platon, Kriton 49b. Der Satz wird oft als früher Einwand gegen das Prinzip der Vergeltung gelesen.
  • „… denn es ist, glaube ich, nicht in der Ordnung, daß dem besseren Manne von dem schlechteren Leides geschehe.“ – Platon, Apologie 30c–d. Töten könnten ihn die Ankläger, schaden im eigentlichen Sinn nicht.
  • „Ich bin euch, ihr Athener, zwar zugetan und Freund, gehorchen aber werde ich dem Gotte mehr als euch …“ – Platon, Apologie 29d, als Antwort auf den gedachten Fall, man würde ihn nur unter der Bedingung freisprechen, dass er nicht mehr philosophiert.
  • Sinngemäß Platon, Kriton 47a–48a: In Fragen von Recht und Unrecht solle man nicht auf die Meinung der Menge achten, sondern auf den, der sich wirklich auskennt, so wie ein Sportler auf seinen Trainer hört und nicht auf jeden Zuschauer.
  • Sinngemäß Platon, Apologie 30e: Sokrates nennt sich einen Sporn, den der Gott der Stadt beigegeben habe, wie einem großen, edlen, aber trägen Pferd. Englische Ausgaben machen daraus die „Stechfliege“, daher das bekannte Bild vom Philosophen als lästigem Insekt.

Die Anklage selbst ist ebenfalls überliefert: Sokrates verderbe die Jugend und erkenne die Götter der Stadt nicht an, sondern neue göttliche Wesen (Apologie 24b). Gemeint ist unter anderem seine innere Stimme, das Daimonion, das ihn nach eigener Aussage vor Fehlern warnte.

Sokrates über Tod und Angst: seine letzten Worte

Platon gestaltet den Tod seines Lehrers in zwei Werken: in der Apologie vor Gericht und im Phaidon am letzten Tag im Gefängnis. Vor Gericht erklärt Sokrates die Todesangst zu einer Form von Scheinwissen:

„Denn den Tod fürchten, ihr Männer, das ist nichts anderes, als sich dünken, man wäre weise, und es doch nicht sein. Denn es ist ein Dünkel, etwas zu wissen, was man nicht weiß.“ – Platon, Apologie 29a

  • Sinngemäß Platon, Apologie 40c–e: Der Tod sei eines von zweien. Entweder ein Schlaf ohne Träume, dann sei er ein Gewinn, denn kaum eine Nacht des Lebens sei angenehmer als eine traumlose. Oder ein Umzug der Seele an einen anderen Ort, wo er mit den Toten weiter Gespräche führen könne.
  • „… daß es für den guten Mann kein Übel gibt weder im Leben noch im Tode …“ – Platon, Apologie 41c–d
  • „Jedoch – es ist Zeit, daß wir gehen: ich, um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer aber von uns beiden zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist allen verborgen außer nur Gott.“ – Platon, Apologie 42a, der Schluss der Rede.
  • „… diejenigen, die sich auf rechte Art mit der Philosophie befassen, mögen wohl, ohne daß es freilich die andern merken, nach gar nichts anderm streben, als nur zu sterben und tot zu sein.“ – Platon, Phaidon 64a. Gemeint ist die Lösung der Seele vom Körper, nicht eine Sehnsucht nach dem Tod.

Die letzten Worte stehen ganz am Ende des Phaidon. Das Gift wirkt bereits, die Beine sind kalt, da deckt Sokrates noch einmal sein Gesicht auf:

„O Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig: entrichtet ihm den und versäumt es ja nicht!“ – Platon, Phaidon 118a

Asklepios war der Gott der Heilkunst, und einen Hahn opferte man ihm üblicherweise nach einer Genesung. Was Sokrates damit meinte, wird seit der Antike diskutiert. Eine verbreitete Lesart: Der Tod heile ihn vom Leben. Friedrich Nietzsche las genau das heraus und fand es bitter, nachzulesen in der Fröhlichen Wissenschaft (Aphorismus 340); mehr zu seiner Sicht auf den Tod bei den Nietzsche Zitaten. Andere Deutungen verweisen auf ein schlichtes religiöses Versprechen oder darauf, dass Platon laut Phaidon 59b an diesem Tag krank war und nicht dabei sein konnte. Eindeutig klären lässt sich das nicht. Übrigens nennt Platon das Gift nicht beim Namen; der „Schierlingsbecher“ stammt aus späteren Berichten.

Sokrates Sprüche über Liebe und Freundschaft

Ausgerechnet der asketische Sokrates behauptet im Symposion, er verstehe sich auf nichts so gut wie auf die Liebe:

„… der ich zugebe, auf nichts anderes als auf die Liebesangelegenheiten mich zu verstehen …“ – Platon, Symposion 177d

Wenn er dann an der Reihe ist, eine Lobrede auf Eros zu halten, gibt er allerdings die Lehre einer Frau wieder: Diotima aus Mantineia, die ihn früher einmal über die Liebe belehrt haben soll (ab 201d). Vorsicht beim Zitieren: Die schönsten Sätze dieser Rede, etwa über Eros als Mittler zwischen Mangel und Fülle oder über den Aufstieg vom einzelnen schönen Menschen zum Schönen selbst, sind Diotimas Worte in Sokrates’ Bericht. Ob es Diotima wirklich gab, ist in der Forschung offen. Korrekt ist also „Diotima in Platons Symposion“, nicht einfach „Sokrates“. Wie sich der Gedanke vom Stufenweg der Liebe für ein Gespräch zu zweit nutzen lässt, beschreibt unser Beitrag über philosophische Fragen.

  • „Denn Freunden ist das Ihrige gemeinschaftlich.“ – Platon, Phaidros 279c. Ein Klassiker mit Falle: Den Satz spricht Phaidros, nicht Sokrates. Es ist ein altes griechisches Sprichwort.
  • Anekdotisch, Diogenes Laertius 2,30: Sokrates habe sich gewundert, dass jeder genau wisse, wie viele Schafe er besitze, aber nicht sagen könne, wie viele Freunde er habe.
  • Sinngemäß Xenophon, Symposion 2,10: Gefragt, warum er ausgerechnet die als schwierig geltende Xanthippe geheiratet habe, vergleicht Sokrates sich mit einem Reiter, der sich bewusst ein temperamentvolles Pferd aussucht. Wer mit ihr auskomme, komme mit allen Menschen aus.
  • Anekdotisch, Diogenes Laertius 2,33: Auf die Frage, ob man heiraten solle, habe Sokrates geantwortet, man werde es so oder so bereuen.
  • Anekdotisch, Diogenes Laertius 2,36: Nachdem Xanthippe ihn erst beschimpft und dann mit Wasser übergossen hatte, soll er gesagt haben, er habe ja gewusst, dass auf ihren Donner Regen folge.

Gerade die Xanthippe-Geschichten sind mit Vorsicht zu genießen. Sie machten aus ihr über Jahrhunderte das Sinnbild der zänkischen Ehefrau, beruhen aber auf späten Witzsammlungen. Bei Platon erscheint sie nur kurz, am letzten Tag, klagend, mit dem kleinen Sohn im Arm (Phaidon 60a).

Über Reden, Zuhören und Schweigen

Sokrates philosophierte im Gespräch, und viele seiner überlieferten Sätze kreisen ums Reden selbst. Schon zu Beginn der Apologie stellt er klar, dass er kein kunstvoller Redner sei, es sei denn, man nenne den gewaltig im Reden, „der die Wahrheit redet“ (Apologie 17b).

  • Anekdotisch, Apuleius, Florida 2: Einem schönen jungen Mann, der lange schwieg, soll Sokrates gesagt haben: „Sag etwas, damit ich dich sehe.“ (eigene Übersetzung). Den Menschen erkenne man an seinem Denken, nicht an seinem Aussehen. Apuleius schrieb im 2. Jahrhundert nach Christus.
  • Sinngemäß Platon, Phaidros 274c–275b: Sokrates erzählt einen Mythos, in dem der ägyptische Gott Theuth die Schrift erfindet. Der König hält ihm entgegen, sie werde das Gedächtnis schwächen, weil sich die Menschen auf fremde Zeichen verlassen statt auf ihr eigenes Erinnern. Die Stelle taucht heute gern in Debatten über Smartphones auf. Sie ist echt, nur spricht dort streng genommen der König in einer Geschichte des Sokrates.

Für ruhige Gespräche, in denen ihr gemeinsam nachdenkt statt zu debattieren, findest du passende Impulse auch bei unseren Sprüchen zum Nachdenken.

Sokrates zugeschrieben, aber nicht von ihm: 7 bekannte Fakes

Der US-Autor Ralph Keyes beschreibt in The Quote Verifier (2006), dass berühmte Namen wie Fliegenpapier wirken: Herrenlose Sätze bleiben an ihnen kleben. Sokrates ist ein Paradebeispiel, denn sein Name verspricht Tiefe und Alter, und weil es kein Werk von ihm gibt, kann ihn niemand „im Original“ gegenlesen. Diese sieben Sprüche begegnen dir besonders häufig:

  • „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität …“ Die Klage steht weder bei Platon noch bei Xenophon. Nach den Recherchen von Quote Investigator geht sie auf den Cambridge-Studenten Kenneth John Freeman zurück, der 1907 in seiner Arbeit Schools of Hellas antike Beschwerden über die Jugend in eigenen Worten zusammenfasste. Amerikanische Zeitungen hängten den Text 1922 Sokrates an.
  • Die Geschichte von den drei Sieben. Ein Mann will Sokrates etwas über einen Freund erzählen und soll es erst durch die Siebe der Wahrheit, der Güte und der Notwendigkeit gießen. Eine schöne Lehrgeschichte, aber in keiner antiken Quelle über Sokrates zu finden, weder bei Platon noch bei Xenophon noch bei Diogenes Laertius. Sie wird auch anderen Weisen erzählt, ihr Ursprung ist ungeklärt.
  • „Das Geheimnis der Veränderung liegt darin, deine ganze Energie nicht auf das Bekämpfen des Alten zu richten, sondern auf das Erschaffen des Neuen.“ Der Satz stammt aus dem Buch Way of the Peaceful Warrior (1980) von Dan Millman. Dort sagt ihn ein Tankwart, den der Erzähler „Socrates“ nennt. Quote Investigator hat die Verwechslung dokumentiert.
  • „Bildung ist nicht das Füllen eines Gefäßes, sondern das Entzünden einer Flamme.“ Den Gedanken formuliert der griechische Autor Plutarch rund 500 Jahre nach Sokrates in seiner Schrift über das richtige Zuhören. Die heutige glatte Fassung ist eine moderne Verkürzung.
  • „Wir haben zwei Ohren und einen Mund, damit wir mehr zuhören als reden.“ Diogenes Laertius (7,23) schreibt den Spruch Zenon von Kition zu, dem Gründer der Stoa, der ein Jahrhundert nach Sokrates lebte.
  • „Heirate auf jeden Fall. Bekommst du eine gute Frau, wirst du glücklich, bekommst du eine schlechte, wirst du Philosoph.“ Ein antiker Beleg fehlt. Recherchen des Blogs Falschzitate finden die Pointe in den 1930er-Jahren zunächst ohne Sokrates, erst eine Anekdotensammlung von 1942 schreibt sie ihm zu. Die echten Spuren sind die oben genannten Stellen bei Xenophon und Diogenes Laertius, und die klingen anders.
  • „Wann der Untergang einer Gesellschaft beginnt“ mit neun Punkten, etwa wenn die Dummen lauter seien als die Klugen oder Täter besser geschützt als Opfer. Das Sharepic hat der dpa-Faktencheck am 29. Januar 2026 geprüft. Der Trierer Altphilologe Diego De Brasi bestätigte dort, dass die Sätze in dieser Form nirgends überliefert sind; einige hätten mit den erhaltenen Texten gar nichts zu tun.

Lebensregeln mit großem Namen und ohne Quelle begegnen dir auch bei anderen Denkern; in unseren Lebensweisheiten kennzeichnen wir solche Zuschreibungen ebenfalls.

Sokrates richtig zitieren: Werk, Stephanus-Seite, Übersetzung

Platon zitiert man nicht nach den Seiten irgendeiner Taschenbuchausgabe, sondern nach der Platon-Ausgabe des Druckers Henri Estienne, lateinisch Stephanus, die 1578 erschien. Seine Seitenzahlen samt Abschnittsbuchstaben a bis e stehen in fast allen Übersetzungen am Rand. „Apologie 38a“ findest du deshalb in jeder Ausgabe an derselben Stelle. Xenophon und Diogenes Laertius werden nach Buch, Kapitel und Paragraf zitiert, etwa „Memorabilien 1,6,10“.

So prüfst du einen Sokrates-Spruch, bevor du ihn teilst, auf eine Karte schreibst oder in eine Rede einbaust:

  • Fundstelle verlangen. Fehlen Werk und Stelle, ist das noch kein Beweis für eine Fälschung, aber ein Grund, nachzusuchen.
  • Sprecher prüfen. In Platons Dialogen reden viele Figuren. Diotima, Phaidros oder Kriton sind nicht Sokrates.
  • Auf moderne Begriffe achten. Smartphones, Politikerkarrieren, Selbstoptimierung oder „Energie“ im heutigen Sinn sind Warnsignale.
  • Quelle gewichten. Platon und Xenophon stehen ihm am nächsten, Diogenes Laertius und Apuleius erzählen Anekdoten aus großem Abstand.
  • Übersetzung angeben. Schleiermacher (gestorben 1834) und andere Übersetzer des 19. Jahrhunderts sind gemeinfrei. Neuere Übersetzungen sind meist geschützt; wer sie für eine Veröffentlichung wörtlich nutzt, sollte das vorher klären.

Für eine Trauerkarte eignen sich am ehesten Apologie 42a oder 41c–d, jeweils mit Fundstelle. Für einen runden Geburtstag oder eine Abschlussrede passt Apologie 38a, für eine Karte unter Freunden das Gebet aus dem Phaidros (279b–c).

Häufige Fragen

Was ist das berühmteste Zitat von Sokrates?

Am berühmtesten ist „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. In dieser knappen Form steht der Satz aber nicht bei Platon. In der Apologie (21d) sagt Sokrates sinngemäß, er sei nur insofern weiser, als er nicht zu wissen glaube, was er nicht weiß. Hintergründe dazu liefert unser Artikel Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Welcher Satz von Sokrates ist heute der bekannteste?

Neben dem Nichtwissen-Satz ist heute vor allem „Ein ungeprüftes Leben ist nicht lebenswert“ verbreitet, aus Platons Apologie 38a. Er taucht in Zitatsammlungen und Ratgebern besonders häufig auf. Ebenfalls oft zitiert wird „Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun“ aus dem Gorgias 469c, meist ohne den einschränkenden Vorsatz.

Was sagte Sokrates, bevor er starb?

Laut Platons Phaidon (118a) waren seine letzten Worte: „O Kriton, wir sind dem Asklepios einen Hahn schuldig“, verbunden mit der Bitte, das Opfer nicht zu vergessen. Asklepios war der Gott der Heilkunst. Ob Sokrates den Tod als Heilung verstand oder ein konkretes Gelübde meinte, ist bis heute umstritten.

Hat Sokrates selbst etwas geschrieben?

Nein, von Sokrates ist keine eigene Schrift erhalten, und vermutlich hat er auch keine Bücher verfasst. Sein Denken kennen wir vor allem aus den Dialogen Platons und den Schriften Xenophons. Platon berichtet nur, Sokrates habe im Gefängnis Äsop-Fabeln in Verse gebracht und ein Lied an Apollon gedichtet.

Woran erkenne ich ein falsches Sokrates-Zitat?

Ein falsches Sokrates-Zitat erkennst du meist daran, dass Werk und Stelle fehlen, dass es moderne Themen anspricht oder dass es sich nur in Zitatsammlungen, aber in keinem Dialog Platons oder Xenophons findet. Prüfe außerdem, ob im Original vielleicht eine andere Figur spricht.

Fazit: Echte Sokrates Zitate brauchen eine Fundstelle

Sokrates hat nichts geschrieben, und gerade deshalb lohnt sich der genaue Blick. Die überlieferten Sätze aus Platons Apologie, dem Kriton oder dem Phaidon sind oft unbequemer als die Sprüche, die unter seinem Namen kursieren: Er stellt die Seele über den Besitz, das Unrechttun über das Unrechtleiden und das Gespräch über die eigene Sicherheit. Wenn du ihn zitierst, nenne Werk und Stelle und prüfe, wer im Dialog spricht. Dann wird aus einem schönen Spruch ein echtes Stück Philosophie.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. Schleiermacher, F. (Übers.) (1805): Platons Werke. Ersten Theiles zweiter Band (u. a. Apologie des Sokrates, Kriton). Realschulbuchhandlung
  2. Keyes, R. (2006): The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When. St. Martin's Griffin
Redaktionell geprüft von Markus Lehner2 Quellen angegeben
Markus Lehner

Markus Lehner

Markus kennt die digitale Dating-Welt in- und auswendig. Er hilft dir, die richtige Plattform zu finden und verrät die besten Orte zum Kennenlernen – online und offline.

Seit 2024 · Online Dating, Single Städte, Single Leben

Alle Beiträge von Markus Lehner →

📩 Hat dir der Artikel geholfen?

Einmal pro Woche ein Brief mit den besten neuen Artikeln — psychologisch fundiert, kein Spam. Abmelden jederzeit mit einem Klick.

Weiterlesen

Neu im Magazin

Alle Artikel →