Masochist: Das Wort fällt im Schlafzimmer und genauso in der Kaffeeküche. Gemeint ist zum einen ein Mensch, den Schmerz, Fesseln oder eine inszenierte Demütigung beim Sex erregen, zum anderen jemand, der sich scheinbar freiwillig Unangenehmes antut, etwa den Halbmarathon bei Eisregen. Beide Bedeutungen teilen einen Kern: Was von außen wie Leiden aussieht, wird von innen gewollt. Hier erfährst du, woher der Begriff stammt, warum Schmerz Lust machen kann und wann Fachleute von einer Störung sprechen.
Masochist: Bedeutung im Bett und im Alltag
Im sexuellen Sinn ist ein Masochist oder eine Masochistin ein Mensch, der Erregung daraus zieht, Schmerz, Ausgeliefertsein oder Erniedrigung zu erleben, in einem Rahmen, dem er selbst zugestimmt hat. Masochismus bezeichnet die Neigung, masochistisch alles, was mit ihr zu tun hat. Was genau reizt, ist verschieden: bei manchen die Empfindung selbst, ein Brennen oder ein Druck, der alles andere übertönt, bei anderen das Ausgeliefertsein, bei wieder anderen eine Demütigung, die beide vorher als Spiel verabredet haben. Beliebiger Schmerz ist damit nicht gemeint. Den angestoßenen Zeh findet ein Masochist so lästig wie alle anderen; erst der Zusammenhang macht aus einem Reiz einen lustvollen.
Im Alltag ist das Wort meist ironisch gemeint, etwa für Leute, die jeden Januar in einen eiskalten See steigen oder das schärfste Gericht auf der Karte bestellen. Der Duden führt beide Bedeutungen, die sexuelle und die eines Hangs zur Selbstquälerei, dazu die Kurzform Maso. Wer sich selbst so nennt, meint selten etwas Sexuelles und fast nie etwas Krankhaftes, eher eine Schwäche für das Anstrengende.
Woher das Wort Masochismus kommt
Namensgeber ist Leopold von Sacher-Masoch, geboren 1836 in Lemberg, gestorben 1895 im hessischen Lindheim, zu Lebzeiten ein vielgelesener Schriftsteller. Bekannt ist heute vor allem seine Novelle „Venus im Pelz“ von 1870: Darin bittet Severin die Witwe Wanda, ihn als ihren Sklaven zu behandeln, und beide halten das in einem Vertrag fest.
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Kostenlos registrieren💕 100.000+ Singles sind schon dabeiZum Fachbegriff machte den Namen der Psychiater Richard von Krafft-Ebing. Oft wird dafür seine „Psychopathia sexualis“ von 1886 genannt, die Benennung selbst steht aber in der Schrift „Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia sexualis“ von 1890, die mit einem Kapitel über Masochismus und Sadismus beginnt. Krafft-Ebing begründet die Wahl damit, dass der Schriftsteller diese Neigung immer wieder zum Stoff seiner Romane gemacht habe; spätere Auflagen seines Hauptwerks übernahmen den Begriff. Sacher-Masoch lebte noch und wehrte sich vergeblich dagegen, dass sein Name fortan für eine Perversion stand.
Als Gegenstück nannte Krafft-Ebing den Sadismus, nach eigener Angabe ein Wort aus dem Französischen, das auf den Marquis de Sade (1740–1814) zurückgeht. Aufschlussreich ist, was er beschrieb: Im Mittelpunkt stand weniger der Schmerz als die Rolle des Unterlegenen. Er sah darin eine krankhafte Abweichung von einer Ordnung, die er für natürlich hielt: Der Mann erobert, die Frau ergibt sich. In Diagnosehandbüchern stand der Masochismus noch bis ins 21. Jahrhundert als Störung.
Warum Schmerz Lust machen kann
Schmerz ist kein festes Signal, das immer gleich ankommt. Der internationale Fachverband der Schmerzforschung IASP beschreibt ihn als unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, auf das körperliche, psychische und soziale Faktoren unterschiedlich stark einwirken. Ob du einen Reiz erwartest, ihn gewählt hast und ihn stoppen kannst, verändert, wie er sich anfühlt. Ein Klaps in einem verabredeten Spiel ist darum ein anderes Erlebnis als ein Schlag, den niemand wollte, selbst wenn die Haut dasselbe meldet.
Dass der Körper solche Szenen trotzdem ernst nimmt, zeigen Messungen. Ein Team um den US-Psychologen Brad Sagarin bestimmte für eine 2009 veröffentlichte Studie bei 58 Menschen, die einvernehmlich sadomasochistische Spiele praktizieren, vor und nach ihren Szenen Hormonwerte im Speichel. Bei denen, die gefesselt waren, Reize empfingen oder Anweisungen folgten, stieg das Stresshormon Cortisol an, bei der aktiven Seite nicht. Wer die Szene als gelungen erlebt hatte, zeigte danach sinkende Cortisolwerte und fühlte sich dem Gegenüber näher als vorher. Eine belgische Pilotstudie mit 35 Paaren fand 2020, dass Schmerzspiele auf der empfangenden Seite mit höheren Werten eines Endocannabinoids einhergingen, eines körpereigenen Botenstoffs, der mit Wohlbefinden in Verbindung gebracht wird. Mehr als ein erster Hinweis ist das nicht. Die gern zitierte Erklärung vom Endorphinrausch klingt plausibel, ist aber kaum direkt gemessen.
Psychologisch gibt es mehrere Deutungen. Der Sozialpsychologe Roy Baumeister beschrieb Masochismus 1988 als Flucht vor dem Selbst: Intensiver Schmerz und klar verteilte Rollen lassen keinen Raum für das ständige Nachdenken darüber, wer man ist und wie man wirkt. Andere Erklärungen setzen bei der Erleichterung an, wenn ein Schmerz nachlässt, oder bei der Nähe, die entsteht, wenn sich jemand so verletzlich zeigt. Wahrscheinlich wirken bei verschiedenen Menschen verschiedene Mechanismen, bei manchen mehrere zugleich.
Sadist und Masochist: zwei Rollen, kein festes Paar
Ein Sadist ist im sexuellen Sinn das Gegenstück: jemand, den es erregt, Schmerz zuzufügen oder einen Menschen zu demütigen, im einvernehmlichen Rahmen also mit einem Menschen, der genau das möchte. Für beide Neigungen zusammen steht Sadomasochismus, kurz SM, das letzte Buchstabenpaar in BDSM; wer beide Seiten mag, heißt Switch. Wie Rollen und Absprachen dort funktionieren, erklärt der Leitfaden BDSM für Anfänger.
Ein festes Paar sind die beiden trotzdem nicht. Wer Schmerz zufügt, muss kein Sadist sein; manche reizt eher die Kontrolle oder die Reaktion des Gegenübers. Auch devot und masochistisch meinen nicht dasselbe: Beim einen geht es ums Abgeben der Kontrolle, beim anderen um das Erleben von Schmerz oder Erniedrigung; wo sich beides überschneidet, ordnet der Beitrag über devote Neigungen ein. Klar zu trennen ist schließlich der Alltagssadismus, den die Persönlichkeitspsychologie als Teil der Dunklen Tetrade untersucht: Freude an fremdem Leid, das niemand gewollt hat.
Wann Masochismus als Störung gilt
Kurz gesagt: Eine masochistische Vorliebe allein ist in keinem der beiden großen Diagnosesysteme eine Störung. Das DSM-5 der American Psychiatric Association von 2013 trennt zwischen einer Paraphilie, also einem ungewöhnlichen sexuellen Interesse, und einer paraphilen Störung. Für eine sexuelle masochistische Störung muss jemand mindestens sechs Monate lang wiederkehrend und intensiv dadurch erregt werden, gedemütigt, geschlagen, gefesselt oder auf andere Weise zum Leiden gebracht zu werden, und das muss erheblich belasten oder wichtige Lebensbereiche beeinträchtigen.
Die ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation, seit 2022 in Kraft, geht weiter: Den Sadomasochismus der Vorgängerversion gibt es als Diagnose nicht mehr. Einvernehmlich gelebte Vorlieben gelten nur dann als Störung, wenn jemand unter der Art der eigenen Erregung stark leidet, und zwar nicht bloß, weil andere sie ablehnen, oder wenn eine Praxis ein erhebliches Verletzungs- oder Todesrisiko birgt. Beide Systeme heben Praktiken hervor, bei denen die Atmung eingeschränkt wird. In Deutschland wird für Diagnosen derzeit noch die ICD-10-GM genutzt, in der der alte Code F65.5 weiter existiert. Wie die ICD-11 Vorlieben allgemein einordnet, beschreibt der Text über den Fetisch.
Auch die Annahme, hinter solchen Wünschen stecke meist erlebte sexuelle Gewalt oder ein seelisches Problem, stützen die Daten nicht. In einer repräsentativen australischen Befragung von 19.307 Menschen, 2008 veröffentlicht von Juliet Richters und Kollegen, waren diejenigen, die im Jahr zuvor BDSM praktiziert hatten, nicht häufiger zu sexuellen Handlungen gedrängt worden als andere und hatten nicht öfter sexuelle Schwierigkeiten. Die Männer unter ihnen waren sogar weniger psychisch belastet als andere Männer.
Zwei Grenzen gehören trotzdem hierher. Was ohne Zustimmung geschieht, ist kein Masochismus und kein Spiel, sondern Gewalt, auch wenn die handelnde Person es hinterher Spiel nennt; Zustimmung lässt sich jederzeit zurücknehmen. Und selbstverletzendes Verhalten ist etwas grundlegend anderes: Es dient meist dazu, unerträgliche Gefühle auszuhalten, hat mit sexueller Lust in aller Regel nichts zu tun und gehört in fachliche Begleitung statt unter ein Etikett aus der Erotik.
Im Alltag: gutartiger Masochismus und masochistische Züge
Unangenehmes zu genießen ist auch fern der Sexualität verbreitet. Der US-Psychologe Paul Rozin und sein Team befragten für eine 2013 veröffentlichte Studie 243 Studierende und 147 Erwachsene über eine Online-Plattform. Sie fanden 29 Erfahrungen, die zunächst abschrecken und trotzdem vielen Freude machen, von traurigen Filmen über das Brennen von Chili und Achterbahnen bis zu schmerzhaften Massagen. Oft lag die liebste Dosis knapp unter dem, was gerade noch auszuhalten ist: Bei Achterbahnen stimmten 59 Prozent zu, ihre liebste Fahrt sei die gruseligste, die sie ertragen, beim Chili-Brennen 43 Prozent. Rozin nennt das gutartigen Masochismus und erklärt ihn mit „Geist über Körper“: Der Körper schlägt Alarm, der Kopf weiß, dass keine Gefahr besteht, und gerade dieser Abstand macht Spaß. Sexuelle Spielarten hatte das Team bewusst nicht abgefragt.
Etwas anderes meint, wer jemandem masochistische Züge nachsagt: ein Muster, bei dem jemand immer wieder in Kauf nimmt, was ihm schadet, Ja sagt, wo er Nein meint, oder bleibt, wo er längst leidet. Die Psychoanalyse sprach seit Sigmund Freud von moralischem Masochismus. Eine zunächst masochistisch, dann selbstschädigend genannte Persönlichkeitsstörung stand 1987 im Anhang des DSM-III-R, ins DSM-IV von 1994 fand sie keinen Eingang mehr. Ein zentraler Einwand lautete, sie könne Opfern von Gewalt, vor allem Frauen, ihr Leid als selbst gewählt anlasten.
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Wenn du masochistische Vorlieben bei dir entdeckst
Vielleicht hat dich eine Fantasie überrascht, ein Klaps, der mehr ausgelöst hat als gedacht, oder eine Filmszene. Das ist weder peinlich noch bedenklich; dass eine solche Vorliebe auf ein Problem hinweist, stützen die vorhandenen Studien nicht. Hilfreich ist eine Unterscheidung, die das Wort verwischt: Lust auf Schmerz im Spiel heißt nicht, im Leben schlecht behandelt werden zu wollen. Und falls dich das Etikett selbst stört: Es stammt aus einer Psychiatrie, die vieles, was von der Norm abwich, für krank hielt. Du musst es nicht übernehmen, um zu wissen, was dir gefällt.
Wenn du es ausprobieren willst, dann mit jemandem, dem du vertraust, und nach einem Gespräch in Ruhe. Wie du es eröffnest, findest du im Text über sexuelle Fantasien mit dem Partner teilen. Klärt vorab, wo eure Grenzen liegen und welches Safeword ohne Diskussion gilt, und steigert euch lieber über mehrere Male als an einem Abend. Intensive Erlebnisse wirken oft nach; was in dieser Zeit guttut, steht unter Aftercare. Ob du die Vorliebe auslebst oder lieber in der Fantasie lässt, entscheidest allein du.
Häufige Fragen
Was ist Sadist und Masochist?
Ein Sadist empfindet Lust daran, Schmerz oder Demütigung zuzufügen, ein Masochist daran, Schmerz, Ausgeliefertsein oder Demütigung zu erleben. Zusammen spricht man von Sadomasochismus, kurz SM. Benannt sind beide Begriffe nach dem Marquis de Sade und nach Leopold von Sacher-Masoch.
Was sind masochistische Züge?
Umgangssprachlich ist damit die Neigung gemeint, sich wiederholt Belastendes zuzumuten, etwa dauernd über die eigenen Grenzen zu gehen oder an Situationen festzuhalten, die schaden. Eine Diagnose ist das nicht. Dahinter steckt selten Lust am Leiden, häufiger Angst vor Ablehnung, Gewohnheit oder die Hoffnung, dass es besser wird.
Was ist ein Synonym für Masochismus?
Geläufig sind Umschreibungen wie Lust am Schmerz oder Schmerzlust, dazu die Kurzform Maso. Das veraltete Fachwort Algolagnie, 1892 von dem Arzt Albert von Schrenck-Notzing aus den griechischen Wörtern für Schmerz und Wollust gebildet, schloss die sadistische Seite mit ein. Für die übertragene Bedeutung passen Selbstquälerei und selbstquälerisch.
Wie verhalten sich Masochisten?
Im Alltag nicht anders als andere Menschen. Die Vorliebe zeigt sich in der Sexualität, in vorher besprochenen Situationen, und verrät nichts über Selbstbewusstsein oder Durchsetzungskraft. Grenzen setzen Masochisten wie alle anderen; in ihrem Spiel sind klare Absprachen sogar die Grundlage.
Ist Masochismus eine psychische Störung?
Nicht für sich genommen. Das DSM-5 spricht erst dann von einer Störung, wenn die Neigung über mindestens sechs Monate erheblich belastet oder das Leben beeinträchtigt. Die ICD-11 führt keine eigene Diagnose mehr und wertet einvernehmliche Vorlieben nur bei starkem eigenem Leidensdruck oder ernster Verletzungsgefahr als Störung.
Fazit: Lust, die nach Leiden aussieht
Masochist ist ein Wort mit zwei Leben. Im Alltag beschreibt es augenzwinkernd Menschen, die Strapazen suchen, und tatsächlich genießen viele harmlose Schmerzen, solange sie sich sicher fühlen. Im Sexuellen meint es eine Vorliebe, die ein Psychiater 1890 nach einem Schriftsteller benannte und die heute weder DSM-5 noch ICD-11 für sich genommen als Störung werten. Entscheidend ist dasselbe wie überall in der Sexualität: eine Zustimmung, die sich jederzeit zurücknehmen lässt, und ein Gegenüber, das ein Stopp sofort respektiert.
Quellen & weiterführende Literatur
- (1890): Neue Forschungen auf dem Gebiet der Psychopathia sexualis. Ferdinand Enke, Stuttgart
- (2009): Hormonal changes and couple bonding in consensual sadomasochistic activity. Archives of Sexual Behavior, 38(2), 186-200
- (2013): Glad to be sad, and other examples of benign masochism. Judgment and Decision Making, 8(4), 439-447







