Besinnliche Weihnachtsgedichte sind für den Moment gemacht, in dem der Trubel nachlässt: wenn das Geschirr gespült ist, die Kinder schlafen und im Zimmer nur noch eine Kerze brennt. Sie erzählen nicht vom Weihnachtsmann, sondern von dem, was Erwachsene in diesen Tagen beschäftigt – von Erinnerung, Dankbarkeit, vom Älterwerden und von Menschen, die fehlen. Gerade deshalb berühren sie oft mehr als jeder fröhliche Reim.
Hier findest du neun gemeinfreie Klassiker von Andreas Gryphius bis Joachim Ringelnatz, am Wortlaut historischer Ausgaben bei Wikisource geprüft und kurz gedeutet, dazu siebzehn neue Verse. Die alte Rechtschreibung bleibt stehen, Kürzungen sind mit […] markiert. Verse mit dem Vermerk „Eigener Vers der Redaktion“ sind für diesen Artikel geschrieben und frei verwendbar. Den Überblick über alle Arten von Weihnachtsversen bietet die Sammlung der Weihnachtsgedichte.
Was ein besinnliches Weihnachtsgedicht ausmacht
„Sich besinnen“ heißt, sich auf etwas zurückzuholen. Ein besinnliches Gedicht macht genau das mit seinen Lesern: Es lenkt den Blick vom Fest nach innen. Dafür braucht es keine frommen Wörter und keine Glocken in jeder Zeile. Drei Merkmale tauchen in fast allen Texten dieser Sammlung auf.
- Ein Ort der Stille. Fast immer gibt es einen Raum, in dem es leiser wird – ein Feld vor der Stadt, ein Zimmer nach der Bescherung.
- Eine Wendung. Irgendwo kippt der Ton: Aus dem Lichterglanz wird ein Gedanke an jemanden, aus der Vorfreude ein Blick zurück.
- Kein erhobener Zeigefinger. Gute besinnliche Gedichte predigen nicht. Sie zeigen ein Bild und lassen dir die Schlussfolgerung.
Vom besinnlichen Gruß unterscheidet sich das Gedicht durch seine Form: Ein Gruß lässt sich in einem Satz sagen, ein Gedicht braucht Takt, Zeilen und jemanden, der zuhört. Stille Sätze ohne Reim findest du bei den besinnlichen Weihnachtsgrüßen.
Berührende Weihnachtsgedichte: Klassiker mit Deutung
Alle Dichter dieser Auswahl starben vor mehr als siebzig Jahren; ihre Werke sind deshalb gemeinfrei. Viele Verse stammen aus dem 19. Jahrhundert, als Weihnachten in Deutschland zum Familienfest im bürgerlichen Wohnzimmer wurde, mit Christbaum und Geschenktisch – die Kulturhistorikerin Ingeborg Weber-Kellermann hat diese Entwicklung ausführlich beschrieben. Die Dichter kannten dieses Idyll und sahen zugleich seine Ränder.
Theodor Storm: „Weihnachtslied“
Storm schrieb das Gedicht 1845, Jahrzehnte vor seiner Novelle „Der Schimmelreiter“. Bemerkenswert ist das Wort „froh erschrocken“: Die Freude kommt hier nicht auf Bestellung, sie überfällt den Sprecher. In der letzten Strophe wird aus dem Erwachsenen für einen Moment wieder ein Kind, das staunend vor dem Licht steht. Die erste Strophe mit dem milden Stern steht bei den kurzen Weihnachtsgedichten; hier folgen die beiden anderen, in denen das Gedicht nach innen kippt.
Mir ist das Herz so froh erschrocken, / Das ist die liebe Weihnachtszeit! / Ich höre fernher Kirchenglocken / Mich lieblich heimathlich verlocken / In märchenstille Herrlichkeit. / Ein frommer Zauber hält mich wieder, / Anbetend, staunend muß ich stehn; / Es sinkt auf meine Augenlider / Ein goldner Kindertraum hernieder, / Ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.
Theodor Storm (1817–1888), „Weihnachtslied“, zweite und dritte Strophe, entstanden 1845; Wortlaut nach Storms „Gedichte“, 8. Auflage, Gebrüder Paetel, Berlin.
Theodor Storm: „Weihnachtsabend“
Das unbequemste Gedicht dieser Sammlung und vielleicht das ehrlichste. Ein Mann geht durch eine fremde Stadt, ein Kind auf einer Treppe bietet ihm ärmliches Spielzeug an, und er geht weiter. Erst allein begreift er, was er versäumt hat. Storm bietet keinen Trost an – deshalb passt der Text für alle, die an Weihnachten auch an jene denken wollen, für die das Fest nicht warm ist.
Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll, / Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus. / Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl / Der Kinderjubel und des Markts Gebraus. / Und wie der Menschenstrom mich fortgespült, / Drang mir ein heiser’ Stimmlein in das Ohr: / „Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt / Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor. / Ich schrak empor; und beim Laternenschein / Sah ich ein bleiches Kinderangesicht; / Weß Alters und Geschlechts es mochte sein, / Erkannt’ ich im Vorübertreiben nicht. / Nur von dem Treppenstein, darauf es saß, / Noch immer hört’ ich, mühsam, wie es schien: / „Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn’ Unterlaß; / Doch hat wohl Keiner ihm Gehör verliehn. / Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham, / Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind? / Eh’ meine Hand zu meiner Börse kam, / Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind. / Doch als ich endlich war mit mir allein, / Erfaßte mich die Angst im Herzen so, / Als säß’ mein eigen Kind auf jenem Stein, / Und schrie nach Brod, indessen ich entfloh.
Theodor Storm, „Weihnachtsabend“ (1852); Wortlaut nach Storms „Gedichte“, 8. Auflage, Gebrüder Paetel, Berlin 1889.
Friedrich Rückert: „Des fremden Kindes heiliger Christ“
Rückerts Ballade ist lang, hier steht ein Auszug. Ein fremdes Kind läuft am Abend vor Weihnachten an erleuchteten Fenstern entlang, klopft an, und niemand öffnet. Schließlich kommt das Christkind selbst mit einem Licht durch die Gasse, verspricht ihm: „Ich will dich nicht vergessen, / Wenn alles dich vergißt“, und zeigt ihm einen Baum aus Sternen. Das Ende lässt sich als Tod des erfrierenden Kindes lesen, erzählt als Heimkehr. Für Kinderohren ist es deshalb nichts, wohl aber für die Frage, wer an diesem Abend draußen bleibt.
Es läuft ein fremdes Kind / Am Abend vor Weihnachten / Durch eine Stadt geschwind, / Die Lichter zu betrachten, / Die angezündet sind. / […] / Es klopft an Thür und Thor, / An Fenster und an Laden, / Doch Niemand tritt hervor, / Das Kindlein einzuladen; / Sie haben drin’ kein Ohr. / […] / Das fremde Kindlein ist / Zur Heimat nun gekehret, / Bei seinem heil’gen Christ; / Und was hier wird bescheeret, / Es dorten leicht vergißt.
Friedrich Rückert (1788–1866), „Des fremden Kindes heiliger Christ“, Auszug; Wortlaut nach Rückerts „Gedichte“, Sauerländer, Frankfurt am Main 1841.
Ein weiterer stiller Klassiker ist Eichendorffs „Weihnachten“ („Markt und Straßen stehn verlassen“); den Wortlaut findest du bei den Weihnachtsgedichten für Kinder. Als Erwachsener lohnt es sich, auf das Wort „Einsamkeit“ in der letzten Strophe zu achten: Bei Eichendorff ist sie kein Mangel, sondern der Ort, an dem das Wunderbare hörbar wird.
Weihnachtsgedichte für Erwachsene: wenn das Kindsein vorbei ist
Für Erwachsene hat Weihnachten einen doppelten Boden: Man organisiert und kocht und erinnert sich dabei an die Zeit, als man selbst staunend vor dem Baum stand. Diese Gedichte nehmen den Zwiespalt ernst, manchmal mit einem Lächeln.
Arno Holz: „Weihnachten“
Arno Holz, später einer der Wortführer des Naturalismus, schrieb das Gedicht 1884; es steht in seinem „Buch der Zeit“. Die erste Hälfte schwelgt in Zuckerfiguren und Goldpapier am Baum, dann dreht sich der Blick auf die Erwachsenen im Zimmer. Holz macht sich über sie lustig – sie interessieren sich für Politik, die Rechenregel des Dreisatzes (die „Regeldetri“) und Lotterie –, aber er tut es zärtlich. Der Umschwung kommt in einer einzigen Zeile: „Nur eben heute nicht“. Am Schluss zitiert er eine Liedzeile, die er selbst als altes Lied ausweist.
Ihre großen, blauen Augen leuchten, / indes die unsern sich leise feuchten. / Wir sind ja leider schon längst „erwachsen“, / uns dreht sich die Welt um andre Achsen / und zwar zumeist um unser Bureau. / […] / Uns quälen tausend Siebensachen. / Mit einem Wort, um es kurz zu machen, / wir sind große, verständige, vernünftige Leute! / Nur eben heute nicht, heute, heute! / Über uns kommt es wie ein Traum, / ist nicht die Welt heut ein einziger Baum, / an dem Millionen Kerzen schaukeln? / Alte Erinnerungen gaukeln / aus fernen Zeiten an uns vorüber / und jede klagt: Hinüber, hinüber! / Und ein altes Lied fällt uns wieder ein: / O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!
Arno Holz (1863–1929), „Weihnachten“, Auszug aus „Buch der Zeit. Lieder eines Modernen“ (entstanden 1884, erschienen 1886).
Joachim Ringelnatz: „Einsiedlers heiliger Abend“
Ein Mann feiert allein, mit krummem Baum, Besteck statt Kugeln und Erbsensuppe. Bei den lustigen Weihnachtsgedichten steht der komische Anfang. Die letzten Strophen erzählen etwas anderes: Es klopft, vielleicht das Christkind, und er öffnet nicht. Dann geht er schlafen, „ohne Angst, ohne Spott“, und dankt Gott auf seine Art. Man kann das traurig finden. Man kann es auch als Gedicht über einen Menschen lesen, der seinen Abend so verbringt, wie er es will, und der trotzdem dankbar ist.
Es glimmte petroleumbetrunken / Später der Lampendocht. / Ich saß in Gedanken versunken. / Da hat’s an der Türe gepocht, / Und pochte wieder und wieder. / Es konnte das Christkind sein. / Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder? / Ich aber rief nicht: „Herein!“ / Ich zog mich aus und ging leise / Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott, / Und dankte auf krumme Weise / Lallend dem lieben Gott.
Joachim Ringelnatz, „Einsiedlers heiliger Abend“, letzte drei Strophen; aus „103 Gedichte“, Ernst Rowohlt, Berlin 1933.
Drei neue Verse für alle, die längst auf der anderen Seite des Geschenktischs stehen:
Wir sind nicht mehr die Kinder unterm Baum, / die nachts vor Aufregung nicht schlafen können. / Wir decken Tische, spülen, finden kaum / die Zeit, uns selbst ein stilles Glas zu gönnen.
Eigener Vers der Redaktion
Die Eltern sitzen leiser als vor Jahren, / und Mutter überlässt den Herd nun mir. / Ich zähle nicht, wie viele Feste waren – / ich zähle nur: Wir sind noch alle hier.
Eigener Vers der Redaktion
Das Jahr war laut, ich hab es kaum gehört, / so schnell sind mir die Wochen weggelaufen. / Heut sitz ich still, von keinem Ruf gestört, / und kann bei einer Kerze kurz verschnaufen.
Eigener Vers der Redaktion
Weihnachtsgedichte zum Nachdenken: Zeit, Stille, Dankbarkeit
Zwischen Heiligabend und Neujahr ist der Kalender für viele zum einzigen Mal im Jahr leer. Diese Lücke lädt zum Nachdenken ein: Was war wichtig, wofür bin ich dankbar? Die folgenden Verse sind kurz genug für eine Karte.
Wir schenken Dinge, weil die Zeit nicht reicht, / und wünschen uns doch Zeit vor allen Dingen. / Vielleicht ist das Geschenk, das keinem gleicht, / ein Tag, den wir gemeinsam still verbringen.
Eigener Vers der Redaktion
Wenn alle Gäste gegangen sind / und nur noch Kerzen im Zimmer stehen, / dann hörst du draußen den leisen Wind / und kannst dein Jahr wie von außen sehen.
Eigener Vers der Redaktion
Nicht für das Glänzende will ich danken, / nicht für das Päckchen mit goldenem Band, / sondern dafür, dass in all meinem Wanken / jemand verlässlich daneben stand.
Eigener Vers der Redaktion
Am Heiligabend gegen zwei / schließen die Läden. / Die Straße atmet aus. / Irgendwo trägt jemand / einen Baum, der zu groß ist, / durch eine zu schmale Tür. / Und für eine Minute / will niemand etwas von dir.
Eigener Vers der Redaktion, bewusst ohne Reim
Wer selbst schreibt: lieber beschreiben als erklären. „Ich bin dankbar“ bleibt blass, ein Mensch, der verlässlich danebensteht, bleibt hängen.
Wenn jemand fehlt: Weihnachtsgedichte über Trauer und Vermissen
Über das erste Fest nach einem Verlust gibt es viele Texte, seltener über die Jahre danach, wenn die Trauer leiser geworden ist, aber nicht verschwunden. Dann suchen viele kein Trostgedicht mehr, sondern eines, das den Verstorbenen selbstverständlich mit an den Tisch holt: mit seinen Eigenheiten, seinem Namen. Verse für die Zeit unmittelbar nach einem Abschied stehen bei den Trauergedichten.
Es ist nicht mehr das erste Jahr, / der Schmerz hat leisere Schuhe an. / Er sitzt nicht mehr, wo er einst war, / er geht nur mit, so dann und wann.
Eigener Vers der Redaktion
Aus dem Karton kommt das alte Glas, / die Kugel mit dem verblassten Stern. / Ich weiß noch, wer sie einmal besaß, / und häng sie nach oben, da hing sie gern.
Eigener Vers der Redaktion
Wir nennen heute deinen Namen / ganz laut am Tisch, nicht nur im Stillen, / und alle, die zum Essen kamen, / erzählen gern von deinen Grillen.
Eigener Vers der Redaktion
Ich schreib dir nicht, die Zeit heilt Wunden, / ich schreib nicht, du sollst tapfer sein. / Ich schreib nur: In den langen Stunden / fällt dir vielleicht mein Name ein.
Eigener Vers der Redaktion – für eine Karte an jemanden, der trauert
Der letzte Vers verspricht nicht, dass es besser wird, und verlangt nichts. Sätze wie „Er hätte gewollt, dass wir fröhlich sind“ meinen es gut, legen dem Gegenüber aber eine Pflicht auf. Ein Gedicht darf den Verlust einfach stehen lassen. Wer an einem bestimmten Tag im November der Verstorbenen gedenkt, findet bei den Sprüchen zum Totensonntag passende Zeilen.
Hoffnung und Neubeginn: Gedichte für die dunkelste Zeit des Jahres
Weihnachten liegt wenige Tage nach der Wintersonnenwende, dem kürzesten Tag des Jahres auf der Nordhalbkugel; danach werden die Tage wieder länger. Vom Licht, das in der dunkelsten Zeit zurückkehrt, leben viele Hoffnungsgedichte. Joachim Ringelnatz wünscht sich in „Vorfreude auf Weihnachten“ ganz nüchtern, dass wir wenigstens „einmal im Jahr“ unfeindlich sind; das Gedicht steht vollständig bei den Adventsgedichten. Noch dunkler ist der Hintergrund des folgenden Klassikers.
Paul Keller: „Kriegsweihnacht 1916“
Der schlesische Schriftsteller Paul Keller (1873–1932) gab dem Gedicht das Jahr im Titel: Weihnachten 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Er zählt auf, was bleibt, wenn alles andere fehlt – die Sterne, die verschneiten Berge, die Erinnerung an den Gabentisch der Kindheit. Das Gedicht verspricht kein gutes Ende. Es hält nur fest, dass Weihnachten selbst unter den schlimmsten Umständen nicht verschwindet, und lädt dazu ein, still zu werden.
Und wenn auch nichts mehr auf Erden wär / Und alles freude- und liebeleer: / Es blieben die Sterne in dunkler Nacht, / Es blieben die Berge in weißer Pracht, / Es bliebe der selige Kindertraum / Vom Gabentisch und vom Tannenbaum, / Es blieb Weihnachten! / Wollen alle in Demut trachten, / Vor dem schlummernden Jesulein / Stille Kinder der Not zu sein.
Paul Keller, „Kriegsweihnacht 1916“; Wortlaut nach Kellers „Gedichte und Gedanken“, Bergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn, 1933.
Drei neue Verse über das Licht, das zurückkommt:
Seit gestern wächst der Tag ein Stück, / man sieht es nicht, man muss es glauben. / Das Licht kehrt Schritt für Schritt zurück, / und keine Nacht kann es uns rauben.
Eigener Vers der Redaktion
Nicht alles, was zerbrach, wird heil, / nicht jeder Riss lässt sich verkleben. / Doch manchmal wächst ein neuer Teil / genau dort, wo wir weiterleben.
Eigener Vers der Redaktion
Ein Licht ist wenig gegen all die Nacht, / und doch: Es macht den Raum um sich herum / zu einem Ort, an dem man wieder lacht, / und keiner fragt mehr nach dem Wie und Warum.
Eigener Vers der Redaktion
Christliche Weihnachtsgedichte: Krippe, Licht und Menschwerdung
Christliche Weihnachtsdichtung kreist um wenige Bilder: die Nacht, das Licht, das Kind in der Krippe, die Hirten. In der Lutherbibel von 1912 lautet der Gesang der Engel bei Lukas (Kapitel 2, Vers 14): „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“
Andreas Gryphius: „Über die Geburt Jesu“
Gryphius erlebte als Kind und junger Mann den Dreißigjährigen Krieg. Sein Sonett, gedruckt 1658, ist ganz aus Gegensätzen gebaut, wie es in der Barockdichtung üblich war: Die Nacht der Geburt ist heller als der Tag, weil in ihr das Licht selbst zur Welt kommt. Hier stehen die erste Strophe und die Schlusszeile; die Schrägstriche der Vorlage, die damals als Kommas dienten, sind durch Kommas ersetzt, „u“ und „v“ modernisiert.
Nacht, mehr denn lichte Nacht! Nacht, lichter als der Tag, / Nacht, heller als die Sonn’, in der das Licht geboren, / Das Gott, der Licht, in Licht wohnhafftig, ihm erkohren: / O Nacht, die alle Nacht’ und Tage trotzen mag! / […] / Nacht lichter als der Tag; Nacht mehr denn lichte Nacht!
Andreas Gryphius (1616–1664), „Vber die Geburt Jesu“, aus „Sonnette. Das Erste Buch“, Breslau 1658.
Joseph Mohr: „Stille Nacht! Heilige Nacht!“
Den Text schrieb der junge Priester Joseph Mohr 1816; am 24. Dezember 1818 erklang er in Oberndorf bei Salzburg zum ersten Mal, mit der Melodie von Franz Xaver Gruber. Mohrs Fassung hat sechs Strophen, gesungen werden heute meist nur drei. Eine der selten gesungenen ist die vierte, die von der Liebe spricht, die „die Völker der Welt“ umschließt. Als Lesung weitet sie das vertraute Lied über die eigene Familie hinaus.
Stille Nacht! Heil’ge Nacht! / Wo sich heut alle Macht / Väterlicher Liebe ergoß, / Und als Bruder Huldvoll umschloß / Jesus die Völker der Welt! / Jesus die Völker der Welt!
Joseph Mohr (1792–1848), „Weyhnachts-Lied“, vierte Strophe; Wortlaut nach Mohrs Autograph (um 1820/25), wiedergegeben bei Wikisource.
Klabund: „Weihnacht“
Klabund, mit bürgerlichem Namen Alfred Henschke (1890–1928), erzählt die Herbergssuche im Ton eines Volkslieds und verlegt sie in seine eigene Zeit: Josef ist Tischler, die beiden finden „kein’ Arbeit und Herberg’“, und der Wirt schickt die „Bettelleut“ in den Stall. Aus der vertrauten Geschichte wird so eine über Menschen, die niemand aufnehmen will. Wer das Gedicht am Heiligabend liest, hört die Weihnachtsgeschichte noch einmal mit anderen Ohren.
Ich bin der Tischler Josef, / Meine Frau, die heißet Marie. / Wir finden kein’ Arbeit und Herberg’ / im kalten Winter allhie. / Habens der Herr Wirt vom goldnen Stern / nicht ein Unterkunft für mein Weib? / Einen halbeten Kreuzer zahlert ich gern, / zu betten den schwangren Leib. – / Ich hab kein Bett für Bettelleut; / doch scherts euch nur in den Stall. / Gevatter Ochs und Base Kuh / werden empfangen euch wohl. – / […]
Klabund, „Weihnacht“, erste drei Strophen; aus „Die Harfenjule“, Verlag Die Schmiede, Berlin 1927.
Drei neue Verse für eine Karte mit christlichem Gruß oder für die Andacht in der Familie:
Kein Palast, kein Thron, kein Glanz, / nur ein Stall und Stroh und Nacht. / Gott kam klein und kam nicht ganz / so, wie wir ihn uns gedacht.
Eigener Vers der Redaktion
Die Hirten hatten nichts zu geben / als ihre Zeit und ihren Weg. / Sie kamen aus dem kalten Leben / zur Krippe über Feld und Steg.
Eigener Vers der Redaktion
Frieden auf Erden – wir sagen es leicht / und wissen, wie selten er irgendwo bleibt. / Vielleicht fängt er an, wo man die Hand sich reicht, / beim Nachbarn, dem man nach Jahren schreibt.
Eigener Vers der Redaktion
Besinnliche Gedichte am Heiligabend vortragen
Ein Kindervers lebt vom Takt, ein besinnliches Gedicht von den Pausen. Wer Storms „Weihnachtsabend“ oder den Auszug von Arno Holz vorliest, steht vor anderen Fragen als ein Kind mit vier Zeilen:
- Nach dem Sinn pausieren, nicht nach der Zeile. Viele lange Gedichte führen einen Satz über das Zeilenende hinaus weiter. Bei Storm etwa läuft „durch alle Gassen scholl“ ohne Halt in die nächste Zeile. Atme dort, wo ein Punkt oder ein Gedankenstrich steht, nicht an jedem Reim.
- Alte Wörter vorher klären. „Regeldetri“, „Weß Alters“ oder „allhie“ stolpern beim ersten Lesen. Lies das Gedicht vorher zweimal halblaut und erkläre ein ungewohntes Wort ruhig vorab.
- Einen Moment wählen, in dem es still sein darf. Zwischen Bescherung und Nachtisch hört niemand zu; besser passt die Zeit nach dem Essen oder vor dem Kirchgang.
- Die Stille danach aushalten. Nach dem letzten Vers musst du nichts sagen. Ein paar Sekunden Schweigen sind kein Misserfolg, sondern die Wirkung.
- Bei Rührung einfach langsamer werden. Bricht dir die Stimme weg, ist das kein Grund aufzuhören. Mach eine Pause oder gib das Blatt an jemanden weiter, der die letzte Strophe liest.
Häufige Fragen
Was sind die schönsten Weihnachtsgedichte?
Das hängt vom Anlass ab, doch einige Klassiker werden seit Generationen gelesen: Eichendorffs „Weihnachten“, Rilkes „Advent“, Storms „Knecht Ruprecht“ und sein „Weihnachtslied“. Wer es nachdenklich mag, greift zu Ringelnatz’ „Weihnachten“ oder Storms „Weihnachtsabend“. Alle sind gemeinfrei und dürfen frei abgeschrieben werden, solange du den Namen des Dichters dazuschreibst.
Was schreibt man einem lieben Menschen zu Weihnachten?
Etwas Konkretes, das nur für diesen Menschen gilt: eine gemeinsame Erinnerung, einen Dank für etwas Bestimmtes, einen Wunsch für das kommende Jahr. Ein kurzes Gedicht kann der Anfang sein, ein persönlicher Satz darunter macht es zu deinem Gruß.
Welche kurzen, sinnvollen Weihnachtsgedichte gibt es?
Kurz und gehaltvoll zugleich sind Ringelnatz’ „Weihnachten“ und Rilkes „Advent“, beide acht Zeilen lang. Beide passen vollständig auf eine Klappkarte. Unter den neuen Versen dieses Artikels eignen sich die Vierzeiler über Zeit, Dankbarkeit und das zurückkehrende Licht für eine Karte.
Was ist das berühmteste Weihnachtsgedicht?
Als bekanntestes deutsches Weihnachtsgedicht wird meist Theodor Storms „Knecht Ruprecht“ mit dem Anfang „Von drauß’ vom Walde komm ich her“ genannt. Rechnet man Liedtexte dazu, kommt kaum etwas an Joseph Mohrs „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ heran, das 1818 in Oberndorf bei Salzburg uraufgeführt wurde und heute in vielen Sprachen gesungen wird.
Welches Weihnachtsgedicht passt für Erwachsene?
Eines, das Erwachsene nicht in die Kinderrolle zurückschiebt, sondern ihre Lage ernst nimmt. Arno Holz’ „Weihnachten“ beschreibt mit Humor und Wehmut, wie fern einem die eigene Kindheit am Heiligabend vorkommt. Storms „Weihnachtsabend“ fragt nach Verantwortung, Ringelnatz’ „Einsiedlers heiliger Abend“ nach dem Alleinsein.
Fazit: Ein Gedicht für den Abend, an dem es leise wird
Besinnliche Weihnachtsgedichte trösten selten mit großen Worten. Sie wirken, weil sie ein genaues Bild finden: das Kind auf der Treppe bei Storm, die feuchten Augen der Erwachsenen bei Holz, den Einsiedler bei Ringelnatz, der nicht öffnet und trotzdem dankt, die Sterne, die bei Keller bleiben, wenn alles andere fehlt. Such dir ein Gedicht aus, das zu deinem Jahr passt, nicht zu irgendeinem Ideal von Weihnachten. Lies es langsam, lass danach einen Moment Stille, und wenn dir ein eigener Vers lieber ist, schreib ihn auf – vier ehrliche Zeilen genügen.










