Wintergedichte brauchen nicht viel Ausstattung: ein verschneites Feld, ein Fenster mit Eisblumen, zwei Menschen, die sich die Hände wärmen. Gerade deshalb sind viele dieser Gedichte so knapp und genau. In dieser Sammlung stehen vierzehn Klassiker von Claudius bis Trakl, deren Wortlaut ich an den Drucken geprüft habe, die Wikisource als Vorlage nennt. Dazu kommen 25 neue Verse: kurze für die Winterkarte, Schneegedichte, Reime für Kinder, Zeilen für Verliebte und ein paar heitere Strophen über Glatteis und Schneeschippen.
Alle Verse ohne Autorennamen sind für diesen Artikel geschrieben und dürfen frei verwendet werden, auch verändert. Bei den alten Gedichten nennst du am besten den Namen des Dichters dazu. Wer eher im goldenen Laub zu Hause ist, findet die passenden Zeilen bei den Herbstgedichten. Kerzen, Krippe und Christkind bleiben hier bewusst außen vor; dafür gibt es eigene Sammlungen mit Adventsgedichten und Weihnachtsgedichten.
Bekannte Wintergedichte: Klassiker im Originalwortlaut
Die Dichter in diesem Abschnitt sind alle lange vor 1956 gestorben, ihre Texte sind gemeinfrei. Die Schreibweise folgt der jeweiligen Vorlage, also mit alten Formen wie „todt“, „laß“ oder „Verrieth“. Für eine Karte darfst du solche Wörter an die heutige Rechtschreibung angleichen; am Sinn ändert das nichts. Ausgelassene Strophen sind mit […] markiert.
Matthias Claudius: „Ein Lied hinterm Ofen zu singen“ (1782)
Claudius (1740–1815) macht aus dem Winter einen kernigen Kerl, der nie krank wird, im kalten Zimmer schläft und sich über frierende Menschen totlacht. Erschienen ist das Gedicht im vierten Teil seiner Werke des „Wandsbecker Bothen“, dort noch mit der Schreibung „hinter’m Ofen“. Mit einer Melodie eines unbekannten Komponisten wurde es zum Volkslied „Der Winter ist ein rechter Mann“. Hier stehen die erste, fünfte und letzte der acht Strophen.
Der Winter ist ein rechter Mann, / Kernfest und auf die Dauer; / Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an, / Und scheut nicht Süß noch Sauer.
[…]
Doch wenn die Füchse bellen sehr, / Wenn’s Holz im Ofen knittert, / Und um den Ofen Knecht und Herr / Die Hände reibt und zittert;
[…]
Da ist er denn bald dort bald hier, / Gut Regiment zu führen. / Und wenn er durchzieht, stehen wir / Und sehn ihn an und frieren.
Joseph von Eichendorff: „Winternacht“
Laut Wikisource 1839 entstanden, zitiert nach Eichendorffs Werken von 1864. Drei Strophen, ein kahler Baum im Schnee, und doch endet das Gedicht im Frühling: Der Baum träumt schon von seinem neuen Blütenkleid. Eichendorff (1788–1857) nimmt die Kälte ernst, ohne das Gedicht zu verdunkeln.
Verschneit liegt rings die ganze Welt, / Ich hab’ nichts, was mich freuet, / Verlassen steht der Baum im Feld, / Hat längst sein Laub verstreuet.
Der Wind nur geht bei stiller Nacht / Und rüttelt an dem Baume, / Da rührt er seinen Wipfel sacht / Und redet wie im Traume.
Er träumt von künft’ger Frühlingszeit, / Von Grün und Quellenrauschen, / Wo er im neuen Blütenkleid / Zu Gottes Lob wird rauschen.
Nikolaus Lenau: „Winternacht“
Lenau (1802–1850) stapft durch eine Frostnacht, der Schnee kracht unter den Schritten, der Bart klirrt. Dann wendet sich das Gedicht nach innen: Die Kälte soll ihm ins unruhige Herz dringen, damit dort endlich Ruhe einkehrt. Zitiert nach der Ausgabe seiner Gedichte von 1848, hier die erste und dritte Strophe des ersten Teils.
Vor Kälte ist die Luft erstarrt, / Es kracht der Schnee von meinen Tritten, / Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart; / Nur fort, nur immer fortgeschritten!
[…]
Frost! friere mir ins Herz hinein, / Tief in das heißbewegte, wilde! / Daß einmal Ruh mag drinnen seyn, / Wie hier im nächtlichen Gefilde!
Theodor Fontane: „Der erste Schnee“ (1851)
Aus Fontanes erstem Gedichtband. Die ersten Flocken vergleicht er mit dem ersten weißen Haar: Anfangs nimmt die Sonne den Schnee noch weg, so wie eine liebe Hand das graue Haar übersieht. Irgendwann aber sind Kopf und Erde weiß. Ein leises Gedicht über das Älterwerden.
Die Sonne schien, doch Winters Näh’ / Verrieth ein Flockenpaar; / Es gleicht das erste Flöckchen Schnee / Dem ersten weißen Haar.
Noch wird – wie wohl von lieber Hand / Der erste Schnee dem Haupt – / So auch der erste Schnee dem Land / Vom Sonnenstrahl geraubt.
Doch habet Acht! mit einem Mal / Ist Haupt und Erde weiß, / Und Freundeshand und Sonnenstrahl / Sich nicht zu helfen weiß.
Friedrich Rückert: „Wintersonne“ (1841)
Rückert (1788–1866) stellt eine einfache Frage: Warum wärmt die Sonne im Winter nicht, obwohl sie so hell scheint wie im Frühling? Seine Antwort steht in den letzten vier Zeilen. Freude kommt nicht von außen, sie muss schon in uns sein.
Mond und Sonne scheint so schön, / Wie im Frühling immer; / Oeder nur die Winterhöhn / Macht der kalte Schimmer.
Ach, vom Himmel kann die Lust / Nicht hernieder steigen, / Wenn der Erde, wenn der Brust / Sie nicht schon ist eigen.
Georg Trakl: „Im Winter“ (1913)
Aus Trakls erstem Gedichtband, der 1913 im Kurt Wolff Verlag erschien; Trakl starb 1914. Die ersten beiden Strophen malen eine Winterlandschaft wie ein Gemälde: weißer Acker, kreisende Dohlen, ein Schlitten in der Ferne. Die dritte Strophe wird blutig und dunkel, deshalb steht sie hier nicht.
Der Acker leuchtet weiß und kalt. / Der Himmel ist einsam und ungeheuer. / Dohlen kreisen über dem Weiher / Und Jäger steigen nieder vom Wald.
Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt. / Ein Feuerschein huscht aus den Hütten. / Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten / Und langsam steigt der graue Mond.
Kurze Wintergedichte für Karte und Chat
Vier Zeilen passen auf jede Postkarte und lassen sich auf dem Handy ohne Scrollen lesen. Die folgenden Verse sind neu. Jeder hält einen festen Takt, damit er auch beim Vorlesen trägt; der letzte kommt ohne Reim aus.
Erster Schnee
Über Nacht kam Schnee geflogen, / leise, ohne einen Ton, / hat die Stadt ganz neu bezogen. / Und die Kinder rodeln schon.
Um vier
Um vier Uhr wird es draußen Nacht, / ich hab mir Tee und Licht gemacht. / Der Winter darf jetzt lange bleiben, / ich hab dir noch so viel zu schreiben.
Spuren
Im Neuschnee vor dem Haus / sind Spuren, groß und klein: / die Amsel und die Maus, / und eine Spur ist dein.
Klarer Frost
Der Frost hat jeden Halm verziert, / die Luft ist klar, der Himmel weit. / Wer heute an den Ohren friert, / trägt Mütze bis zur Mittagszeit.
Ohne Reim: Morgens um sieben
Die Autoscheibe gefroren, / der Kaffee zu heiß, / und über den Dächern / ein Streifen Rosa, nur für mich.
Schnee-Gedichte: wenn die Welt leise wird
Schnee verändert nicht nur, wie die Welt aussieht, sondern auch, wie sie klingt. Viele Schneegedichte handeln deshalb von Stille. Christian Morgenstern (1871–1914) hat einen anderen Blick gewählt: Er schaut auf das vereiste Fenster, an dem morgens die Sonne die Eisblumen schmelzen lässt. Laut der kommentierten Werkausgabe entstand das Gedicht vermutlich im Februar 1910, gedruckt wurde es 1913/14 in der Zeitschrift „Moderne Kunst“. Das hervorgehobene Wort ist im Original gesperrt.
Christian Morgenstern: „Morgensonne im Winter“
Auf den eisbedeckten Scheiben / fängt im Morgensonnenlichte / Blum’ und Scholle an zu treiben…
löst in diamantnen Tränen / ihren Frost und ihre Dichte, / rinnt herab in Perlensträhnen…
Herz, o Herz, nach langem Wähnen / laß auch deines Glücks Geschichte / diamantne Tränen schreiben!
Stille
Der Schnee fällt sacht und ohne Eile / und deckt den Lärm der Straßen zu. / Für eine kleine, weiße Weile / kommt selbst die große Stadt zur Ruh.
Flocke
Eine Flocke, federleicht, / hat mein Fensterbrett erreicht. / Eh ich sie mir recht besehen, / war’s um ihren Stern geschehen.
Schneenacht
Die Laternen tragen Hauben, / jeder Zaun hat weißen Saum, / und die Welt ist kaum zu glauben, / wie ein Bild aus einem Traum.
Eisblumen
Am Fenster wachsen über Nacht / die Blumen, die der Frost gemacht. / Ich hauch sie an, sie werden klein – / so zart kann nur der Winter sein.
Wintergedichte für Kinder zum Aufsagen
Kinder lernen Gedichte am leichtesten, wenn sie eine kleine Geschichte erzählen oder zum Mitmachen einladen. Der bekannteste Kinderklassiker zum Winter ist wohl Friedrich Gülls (1812–1879) Ballade vom Jungen, der zu früh aufs Eis geht. Lustig und lehrreich zugleich. Zitiert nach einer Sammlung von Kindergedichten aus dem Jahr 1894.
Friedrich Güll: „Vom Büblein auf dem Eis“
Gefroren hat es heuer noch gar kein festes Eis. / Das Büblein steht am Weiher und spricht so zu sich leis: / „Ich will es einmal wagen, / Das Eis, es muß doch tragen.“ – / Wer weiß?
Das Büblein stampft und hacket mit seinem Stiefelein. / Das Eis auf einmal knacket, und krach! schon bricht’s hinein. / Das Büblein platscht und krabbelt / Als wie ein Krebs und zappelt / Mit Schrein.
„O helft, ich muß versinken in lauter Eis und Schnee! / O helft, ich muß ertrinken im tiefen, tiefen See!“ / Wär nicht ein Mann gekommen, / Der sich ein Herz genommen, / O weh!
Der packt es bei dem Schopfe und zieht es dann heraus: / Vom Fuße bis zum Kopfe wie eine Wassermaus. / Das Büblein hat getropfet, / Der Vater hat’s geklopfet / Zu Haus.
Die letzte Zeile stammt aus einer Zeit, in der Schläge als Erziehung galten. Beim Vorlesen kannst du darüber reden oder die Strophe einfach mit dem Satz enden lassen, dass das Büblein tropfnass nach Hause kam.
Hedwig Haberkern: „Schneeflöckchen vom Himmel“ (1869)
Das Lied, das heute als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ gesungen wird, gilt oft als Volkslied. Die Urfassung schrieb aber die Breslauer Lehrerin Hedwig Haberkern (1837–1901) für eine Kindergeschichte von der Schneewolke. So beginnt der ursprüngliche Text; das Wort „Weißröckchen“ taucht dort erst in der zweiten Strophe auf.
Schneeflöckchen, vom Himmel / Da kommst du geschneit, / Du warst in der Wolke, / Dein Weg ist gar weit; / Ach setz’ dich an’s Fenster, / Du niedlicher Stern, / Giebst Blätter und Blumen, / Wir sehen dich gern!
Schneemann
Kugel, Kugel, groß und rund, / obendrauf ein Kopf, ein Mund, / Möhrennase, Knopf und Hut – / Schneemann, ja, dir geht es gut!
Scheint im März die Sonne lang, / wird dem Schneemann angst und bang.
Schlittenfahrt
Hoch den Berg, und Schritt für Schritt / zieht der Schlitten hinten mit. / Oben setzen, Beine rein, / und hinunter – das ist fein!
Vogelhaus
Spatz und Meise, kommt herbei, / Körner gibt es, eins, zwei, drei! / Ist der Boden hart gefroren, / geht bei uns kein Spatz verloren.
Handschuh
Wo ist bloß mein Handschuh hin? / Gestern war die Hand noch drin. / Heute find ich ihn im Schnee / bei der Spur von einem Reh.
Ein Tipp zum Auswendiglernen: Lass dein Kind bei jedem betonten Wort einmal in die Hände klatschen. Wer den Takt im Körper hat, vergisst die Wörter seltener.
Wintergedicht über die Liebe: Verse für zwei
Im Winter rücken Menschen zusammen, und genau davon erzählen die schönsten Liebesgedichte dieser Jahreszeit. Das berühmteste Beispiel dafür ist „Gute Nacht“ von Wilhelm Müller (1794–1827), das Eröffnungsgedicht seines Zyklus „Die Winterreise“. Franz Schubert vertonte die 24 Gedichte 1827, im Todesjahr des Dichters, und machte sie damit weltbekannt.
Wilhelm Müller: „Gute Nacht“ (1824)
Der Wanderer verlässt nachts das Haus seiner Liebsten, die ihn nicht mehr will. Die berühmte erste Zeile „Fremd bin ich eingezogen“ kennen viele; zärtlicher ist die letzte Strophe, in der er leise die Tür schließt.
Will dich im Traum nicht stören, / Wär’ Schad’ um deine Ruh’, / Sollst meinen Tritt nicht hören – / Sacht, sacht die Thüre zu! / Ich schreibe nur im Gehen / An’s Thor noch gute Nacht, / Damit du mögest sehen, / Ich hab’ an dich gedacht.
Rainer Maria Rilke: „Wintermorgen“ (1895)
Ein frühes, heiteres Gedicht aus Rilkes Band „Larenopfer“, weit entfernt vom späten, ernsten Rilke. Ein gefrorener Wasserfall in Prag, eine Geliebte mit roten Ohren und ein Spaziergang, der nach Unfug riecht.
Der Wasserfall ist eingefroren, / die Dohlen hocken hart am Teich. / Mein schönes Lieb hat rote Ohren / und sinnt auf einen Schelmenstreich.
Die Sonne küßt uns. Traumverloren / schwimmt im Geäst ein Klang in Moll; / und wir gehn fürder, alle Poren / vom Kraftarom des Morgens voll.
Theodor Fontane: „Winterabend“
Fontane (1819–1898) erzählt von einem Besuch bei der Liebsten: draußen Schneegestöber, drinnen Pläne für ein gemeinsames Zuhause. Zitiert nach der Gedichtausgabe von 1905, hier die erste Strophe und das Ende.
Da draußen schneit es: Schneegeflimmer / Wies heute mir den Weg zu Dir; / Eintret’ ich in Dein traulich Zimmer, / Und warm an’s Herze fliegst Du mir –
[…]
Ade, Ade! von warmen Lippen / Ein Kuß noch, – dann in Nacht hinein: / Das Leben lacht, trotz Sturm und Klippen, / Nur Steurer muß die Liebe sein.
Früh dunkel
Der Tag geht früh, die Nacht kommt bald, / die Fenster leuchten gelb und warm. / Und draußen ist es bitterkalt, / und drinnen hältst du mich im Arm.
Zwei Hände
Meine Hände: kalt wie Stein. / Deine Tasche: warm und klein. / Und darin, für eine Weile, / wohnen beide, ohne Eile.
Viele Winter
Wir haben viele Winter schon / gemeinsam durch den Schnee gebracht. / Und immer noch, im selben Ton, / sagst du: Schlaf gut. Und: Gute Nacht.
Ohne Reim: Atemwolke
Ich sage deinen Namen, / und er bleibt einen Moment / als kleine weiße Wolke / zwischen uns stehen.
Diese Verse passen auf einen Zettel in der Manteltasche oder als Nachricht nach einem gemeinsamen Abend. Wenn du noch einen Anlass suchst, findest du Vorschläge für Dates im Winter, und für das ganze Jahr gibt es eine Auswahl an Liebesgedichten.
Heitere Wintergedichte mit Augenzwinkern
Nicht jeder liebt den Winter. Heinrich Heine (1797–1856) hat es mit Spott getan: In seinem kurzen „Winter“ brennt die Kälte wie Feuer, die Nasen erfrieren, und die Klavierkonzerte der Saison sind auch nicht besser. Zitiert nach den „Neuen Gedichten“ in der Ausgabe von 1852.
Heinrich Heine: „Winter“
Die Kälte kann wahrlich brennen / Wie Feuer. Die Menschenkinder / Im Schneegestöber rennen / Und laufen immer geschwinder.
O, bittre Winterhärte! / Die Nasen sind erfroren, / Und die Clavierconzerte / Zerreißen uns die Ohren.
Weit besser ist es im Summer, / Da kann ich im Walde spazieren / Allein mit meinem Kummer / Und Liebeslieder scandiren.
Glatteis
Ich geh mit Würde aus dem Haus, / die Straße glänzt so glatt wie Glas. / Dann rutscht mein linker Stiefel aus, / ich sitz im Schnee. Das war ein Spaß.
Schneeschippen
Um sechs Uhr früh, noch vor dem Licht, / schippt nebenan schon jemand Schnee. / Ich schippe heute lieber nicht / und koche ihm zum Dank den Tee.
Winterschlaf
Der Igel schläft, der Bär schläft auch, / der Siebenschläfer sowieso. / Nur ich steh auf, so ist der Brauch, / und gehe trotzdem ins Büro.
Zwischen den Jahren: Verse für den Übergang ins neue Jahr
Die Tage nach Weihnachten fühlen sich oft an wie eine Pause im Kalender. Die folgenden Strophen passen in eine Neujahrskarte oder unter ein Foto vom verschneiten Spaziergang. Kürzere Grüße für die Nacht selbst findest du bei den Silvester-Sprüchen, und wer diese Zeit als Rauhnächte bewusst begeht, kann einen der Verse als Tagesgedanken nehmen.
Zwischen alt und neu
Die Tage zwischen alt und neu / sind wie ein Zimmer ohne Uhr. / Im Schnee liegt keine alte Spur, / und was noch kommt, macht mich nicht scheu.
Mitternacht
Um zwölf zerspringt das alte Jahr / in Funken über weißem Feld. / Ich nehme mit, was gut mal war, / den Rest geb ich der Winterwelt.
Neujahrsmorgen
Der erste Morgen, weiß und leer, / kein Schritt im Schnee, kein Laut im Haus. / Ich weiß noch nicht, was kommt, woher – / und gehe trotzdem gern hinaus.
Winter, ade: Gedichte für das Ende des Winters
Irgendwann im Februar reicht es den meisten. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) schrieb 1835 ein Lied, das Kinder bis heute singen, wenn der Schnee schmilzt. Zunächst hatte es zwei Strophen, ab 1843 drei, dazu eine Melodie, die auf ein älteres Volkslied zurückgeht. Hier die erste und die letzte Strophe, zitiert nach seinen „Kinderliedern“ in der Ausgabe von 1878.
Hoffmann von Fallersleben: „Winters Abschied“
Winter, ade! / Scheiden thut weh. / Aber dein Scheiden macht, / Daß jetzt mein Herze lacht. / Winter, ade! / Scheiden thut weh.
[…]
Winter, ade! / Scheiden thut weh. / Gehst du nicht bald nach Haus, / Lacht dich der Kuckuck aus. / Winter, ade! / Scheiden thut weh.
Krokus
Unterm Schnee, im harten Garten, / schläft ein Krokus, gelb und klein. / Er kann ganz geduldig warten / auf den ersten Sonnenschein.
Tauwetter
Vom Dach tropft es den ganzen Tag, / der Bach wird laut, die Wiese taut. / Und wer den Winter wirklich mag, / der hat ihm schnell noch nachgeschaut.
Welches Wintergedicht zu wem passt
Ein Gedicht wirkt am stärksten, wenn es zum Menschen passt, der es bekommt. Ein paar Faustregeln für die Auswahl:
- Für Großeltern und ältere Freunde: Fontanes „Der erste Schnee“ oder Eichendorffs „Winternacht“. Beide sind ruhig, gut lesbar und enden versöhnlich.
- Für Kolleginnen und Kollegen: ein kurzer eigener Vierzeiler wie „Klarer Frost“ oder ein heiterer Vers. Lange Klassiker wirken auf Bürokarten schnell feierlich.
- Für den Partner oder die Partnerin: Rilkes „Wintermorgen“ für frisch Verliebte, „Viele Winter“ für Paare, die schon lange zusammen sind.
- Für Kinder: ein Reim mit Schneemann, Schlitten oder Vogelhaus, gern mit einem Bild daneben.
- Für jemanden, der es gerade schwer hat: Rückerts „Wintersonne“ oder Eichendorffs Baum, der vom Frühling träumt. Beide spenden Hoffnung, ohne zu belehren.
Schreib das Gedicht möglichst von Hand ab und setz einen einzigen persönlichen Satz darunter.
Häufige Fragen
Welches ist das bekannteste Wintergedicht?
Eine verlässliche Rangliste gibt es nicht. Besonders häufig genannt werden Claudius’ „Ein Lied hinterm Ofen zu singen“, das als „Der Winter ist ein rechter Mann“ gesungen wird, Heines „Ein Fichtenbaum steht einsam“ und Eichendorffs „Winternacht“. Durch Schuberts Vertonung ist außerdem Wilhelm Müllers „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“ weltweit bekannt.
Welche kurzen Wintergedichte gibt es?
Kurze Klassiker mit nur acht Zeilen sind Rückerts „Wintersonne“, Rilkes „Wintermorgen“ und Heines „Ein Fichtenbaum steht einsam“, das bei den Liebesgedichten im Wortlaut steht. Noch kürzer sind die neuen Vierzeiler in diesem Artikel, etwa „Spuren“ oder „Erster Schnee“. Sie passen auf jede Postkarte und in jede Nachricht.
Welche Wintergedichte eignen sich für Kinder?
Für Kinder eignen sich Gülls Ballade vom Büblein auf dem Eis, Haberkerns „Schneeflöckchen“ und Hoffmann von Fallerslebens „Winter, ade“. Kleinere Kinder kommen mit kurzen Reimen wie „Schneemann“ oder „Handschuh“ besser zurecht, weil die Zeilen kurz sind und der Takt zum Klatschen einlädt.
Welches Gedicht passt in eine Winterkarte?
In eine Winterkarte passt ein Gedicht mit höchstens acht Zeilen, das ohne Weihnachtsbezug auskommt. So kannst du die Karte von Dezember bis Februar verschicken. Gut eignen sich Eichendorffs „Winternacht“ in Auszügen, Fontanes „Der erste Schnee“ oder ein eigener Vierzeiler wie „Um vier“.
Darf ich alte Wintergedichte abschreiben und weitergeben?
Ja, wenn der Dichter vor mehr als 70 Jahren gestorben ist. Danach endet der urheberrechtliche Schutz, und das Recht, ein Werk zu vervielfältigen oder online zu stellen, liegt nicht mehr bei den Erben. Für alle Gedichte in diesem Artikel trifft das zu. Bei Autoren wie Erich Kästner oder Mascha Kaléko gilt der Schutz dagegen noch.
Was unterscheidet ein Wintergedicht von einem Weihnachtsgedicht?
Ein Wintergedicht handelt von der Jahreszeit: Schnee, Kälte, kurze Tage, Stille. Ein Weihnachtsgedicht dreht sich um das Fest, um Kerzen, Krippe oder Bescherung. Für Karten im Januar und Februar ist ein reines Wintergedicht die sicherere Wahl.
Fazit: Wintergedichte für die stille Jahreszeit
Der Winter hat Dichter zu sehr unterschiedlichen Tönen gebracht: Claudius lacht über ihn, Heine schimpft, Eichendorff und Rückert finden mitten im Frost einen Rest Wärme. Diese Spannweite macht die Auswahl leicht, denn für fast jede Stimmung und jeden Menschen gibt es den passenden Text. Nimm einen Klassiker, wenn du etwas Bewährtes schenken willst, oder einen der neuen Verse, wenn es persönlicher klingen soll. Und fällt dir beim Lesen selbst eine Zeile ein, schreib sie auf.










