Weihnachtsgedichte für Kinder müssen vor allem eines können: in einen kleinen Kopf passen und sich dort wohlfühlen. Ein Zweijähriger braucht zwei Zeilen und eine Handbewegung, eine Drittklässlerin traut sich an drei Strophen mit Geschichte. Darum ist diese Sammlung nach Alter geordnet – von der Krippe über den Kindergarten bis zur Grundschule.
Dazu kommen Fingerspiele und Bewegungsverse, Gedichte zum Aufsagen für Oma und Opa, lustige Reime, Rollenverse für mehrere Kinder und drei gemeinfreie Klassiker mit geprüftem Wortlaut. Die 37 eigenen Verse sind neu geschrieben; du darfst sie abschreiben, auf Bastelarbeiten kleben und vortragen. Der Schrägstrich markiert jeweils einen Zeilenwechsel. Verse für Erwachsene, Karten und Kollegen findest du in der großen Sammlung der Weihnachtsgedichte.
Welches Weihnachtsgedicht zu welchem Alter passt
Ob ein Gedicht passt, hängt weniger vom Geburtsdatum ab als davon, ob das Kind jedes Wort versteht und Lust darauf hat. Die Altersangaben unten sind deshalb eine grobe Orientierung, keine Messlatte.
- Krippe und Kita (etwa 2 bis 4 Jahre): zwei bis vier Zeilen, Wörter aus dem Alltag, ein Takt zum Mitklatschen. Oft spricht ein Erwachsener vor, und das Kind ergänzt das letzte Wort jeder Zeile.
- Kindergarten und Vorschule (etwa 4 bis 6 Jahre): vier bis acht Zeilen mit einer kleinen Handlung, einer Figur oder einer Pointe. Beliebt sind Verse, in denen das Kind selbst vorkommt.
- Grundschule (etwa 6 bis 10 Jahre): zwei oder drei Strophen, gern mit einer Geschichte, die sich entwickelt, und einem Schluss, über den man kurz nachdenkt. Ab der dritten Klasse gehen auch Klassiker in alter Sprache.
Kurze Weihnachtsgedichte für Kinder in Krippe und Kita
Die Kleinsten sprechen selten allein. Meist sagt ein Erwachsener den Vers, und das Kind steigt beim Reimwort ein oder klatscht dazu. Gerade deshalb lohnen sich Wiederholungen, Klangwörter und Dinge, die das Kind im Zimmer sehen kann: Baum, Glocke, Päckchen.
Sternchen
Sternchen funkelt, Sternchen lacht, / Sternchen leuchtet in der Nacht.
Bimmel, bammel
Bimmel, bammel, Glöckchen fein, / heute soll es Weihnacht sein.
Grüner Baum
Grüner Baum, so groß und dicht, / an den Zweigen hängt ein Licht. / Kugel rot und Kugel blau – / guck mal, Mama, ganz genau!
Rentier
Rentier springt und Rentier rennt, / bis es alle Dächer kennt.
Im Stall
Im Stall, da steht ein Schaf, / das ist ganz still und brav. / Daneben schläft das Kind, / und draußen weht der Wind.
Weihnachtsmann mit weißem Bart
Weihnachtsmann mit weißem Bart, / bist du schon auf großer Fahrt? / Komm herein, es ist so kalt – / Tee und Plätzchen gibt es bald!
Was ist in dem Päckchen drin?
Was ist in dem Päckchen drin? / Schüttel, schüttel, ich hör hin. / Es ist leicht und es ist weich – / aufgemacht! Dann weiß ich’s gleich.
Fingerspiele und Bewegungsverse zu Weihnachten
Wenn die Hände mitspielen, bleibt ein Vers oft schneller hängen, und schüchterne Kinder haben etwas zu tun, statt nur angeschaut zu werden. Wer nach dem Aufsagen weitertoben möchte, findet Ideen bei den Weihnachtsspielen.
Fünf Sterne (Fingerspiel)
Der erste Stern sagt: Ich bin wach. / Der zweite blinzelt übers Dach. / Der dritte streckt sich lang und breit, / der vierte ruft: Es ist so weit! / Der fünfte flüstert ganz, ganz sacht: / Pst – heute ist die Weihnachtsnacht.
So geht’s: Eine Hand zur Faust ballen und bei jedem Stern einen Finger aufklappen, beim Daumen anfangen. Beim „Pst“ den Zeigefinger der anderen Hand an die Lippen legen.
Das Bäumchen wächst (Bewegungsvers)
Erst ist das Bäumchen winzig klein, / dann wächst es hoch im Sonnenschein. / Es streckt die Zweige weit hinaus, / dann tragen wir es froh nach Haus. / Wir hängen Sterne dran und Licht – / so schön war unser Baum noch nicht!
So geht’s: In der Hocke beginnen, langsam aufstehen, die Arme zur Seite strecken, einen schweren Baum tragen und zum Schluss mit den Fingern Schmuck an die Arme tippen.
Teig kneten (Fingerspiel)
Kneten, kneten, hin und her, / rollen, rollen – das ist schwer! / Sterne stechen, eins, zwei, drei, / in den Ofen, ei, ei, ei! / Warten, schnuppern, mmh, wie fein – / pusten, und dann beiß ich rein!
So geht’s: Mit den Fäusten kneten, mit flachen Händen rollen, dreimal auf die Handfläche tippen, die Hände nach vorn schieben, schnuppern, pusten, abbeißen.
Die Glocken (Bewegungsvers)
Die große Glocke schwingt ganz schwer: / Bim – bam, bim – bam, hin und her. / Die kleine Glocke schwingt ganz schnell: / Bimmel, bimmel, hell, hell, hell! / Und alle Glocken, groß und klein, / die läuten heut die Weihnacht ein.
So geht’s: Für die große Glocke die gestreckten Arme langsam schwingen und tief sprechen, für die kleine nur die Hände schütteln und hoch sprechen.
Wir schleichen leise (Bewegungsvers)
Wir schleichen leise, Schritt für Schritt, / und nehmen unsre Neugier mit. / Wir horchen an der Tür: Was klingt? / Ein Glöckchen, das ganz leise singt! / Die Tür geht auf – oh, seht nur, seht, / wie hell der Baum im Zimmer steht!
So geht’s: Auf Zehenspitzen auf der Stelle gehen, eine Hand ans Ohr halten, ein Glöckchen andeuten, zum Schluss die Arme weit öffnen. Passt kurz vor der Bescherung.
Weihnachtsgedichte für Kindergarten und Vorschule
Im Kindergartenalter wollen viele Kinder ein eigenes Gedicht haben, das nur ihnen gehört. Die folgenden Verse erzählen kleine Geschichten; Namen wie Lena oder Max darfst du austauschen. Für die Wochen vor dem Fest gibt es eigene Adventsgedichte, für den 6. Dezember passende Nikolausgedichte.
Der kleine Engel
Ich bin ein kleiner Engel / mit Flügeln aus Papier. / Ich hab sie selbst gebastelt / und komme so zu dir.
Ich kann noch gar nicht fliegen, / ich hüpfe nur ganz sacht. / Doch wünsch ich dir von Herzen / die schönste Weihnachtsnacht.
Die Hirten
Hirten sitzen auf dem Feld, / dunkel ist die ganze Welt. / Plötzlich wird es strahlend hell, / und die Hirten laufen schnell.
Hin zum Stall, geschwind, geschwind, / und dort liegt ein kleines Kind. / Ochs und Esel schauen zu, / und das Kindlein schläft in Ruh.
Mein Brief ans Christkind
Ich schreib dem Christkind einen Brief, / doch alle Zeilen stehen schief. / Da mal ich lieber Bilder rein – / die liest das Christkind ganz allein.
Die Schlittenfahrt
Der Weihnachtsmann fährt Schlitten / hoch oben übers Dach. / Die Glöckchen hört man klingen, / und ich bin noch ganz wach.
Ich kneife fest die Augen / und zähle bis zur Zehn. / Denn nur, wenn alle schlafen, / bleibt hier sein Schlitten stehn.
Baum schmücken
Oben kommt der goldne Stern, / bunte Kugeln hab ich gern, / Engel, Glöckchen hängen dran – / fertig! Schau dir alles an!
Christkind oder Weihnachtsmann?
Bei uns, da kommt das Christkind, / bei Lena kommt der Mann / mit rotem Mantel, weißem Bart – / ob man das tauschen kann?
Wer bei euch die Geschenke bringt, ist eine Frage der Familie und der Gegend. Der Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti führt das Christkind als Gabenbringer auf die Reformationszeit zurück, als der Heiligenbrauch um Nikolaus zurückgedrängt werden sollte. Später wurde es vor allem in katholischen Regionen heimisch, während sich in vielen evangelisch geprägten Gegenden der Weihnachtsmann durchsetzte. Passt eine Figur nicht zu eurem Abend, tausch sie im Gedicht einfach aus.
Nase, Ohren, Augen
Die Nase sagt mir leise: / Jetzt ist es bald so weit. / Es riecht nach Zimt und Tanne / und nach der Weihnachtszeit.
Die Ohren hören Glöckchen / und Lieder, leis und fein. / Die Augen sehen Lichter – / bald muss es Weihnacht sein.
Weihnachtsgedicht für die Grundschule: längere Verse mit Geschichte
Ab der Schule dürfen Gedichte länger sein und mehr erzählen. Die folgenden Verse haben zwei oder drei Strophen und einen Schluss mit kleiner Wendung – passend für die Klasse, die Schulfeier oder eine gebastelte Karte.
Der kleinste Stern
Am Himmel stand ein Stern, ganz klein, / mit einem zarten, blassen Schein. / Die großen Sterne riefen: Schau, / du leuchtest ja nur matt und grau!
Da kam ein Kind im Dunkeln her, / der Weg nach Haus war weit und schwer. / Die großen Sterne strahlten fern – / doch nah bei ihm war nur ein Stern.
Der kleine Stern nahm all sein Licht / und schien dem Kind ins Angesicht. / Es fand den Weg, es kam nach Haus – / und klein sein? Das macht gar nichts aus.
Heiligabend dauert lang
Ich warte und ich warte, / der Tag ist heute lang. / Ich male eine Karte / und hüpfe durch den Gang.
Ich zähle alle Sterne / am Fenster, eins bis zehn, / und wüsste doch so gerne: / Was gibt’s wohl gleich zu sehn?
Dann klingt ein kleines Glöckchen, / so silbern und so fein. / Ich flitz auf meinen Söckchen / ins warme Licht hinein.
Der Esel erzählt
Ich bin der Esel, alt und grau, / ich kenne diesen Weg genau. / Ich trug Maria Schritt für Schritt, / und Josef ging daneben mit.
Wir klopften an bei jedem Haus, / doch alle schickten uns hinaus. / Nur dort, wo Ochs und Schafe stehn, / da durften wir ins Warme gehn.
Und in der Nacht, da kam ein Kind, / ganz winzig, wie die Babys sind. / Ich hab gehaucht, ich hab gewacht – / so warm war’s nie in einer Nacht.
Mein Wunschzettel
Mein Zettel ist schon ziemlich voll: / Ein Fahrrad wär natürlich toll, / ein Buch, ein Spiel, ein Zauberstab / und Wünsche, die ich sonst noch hab.
Doch unten steht noch etwas mehr: / Dass Oma kommt, das wünsch ich sehr, / dass Papa Zeit hat, dann und wann, / dass Max bald wieder spielen kann.
Das alles passt in kein Paket. / Ich hoffe, dass es trotzdem geht.
Licht für Licht
Ich halt mein Licht an deins heran, / und sieh nur, wie es brennen kann! / Mein Licht wird davon gar nicht klein, / es ist nur nicht mehr ganz allein.
Wir geben’s weiter, Hand für Hand, / von Haus zu Haus, durchs ganze Land. / So wird es Weihnacht, Licht für Licht: / Wer teilt, verliert das Leuchten nicht.
„Der Esel erzählt“ passt zu einem Krippenspiel. „Licht für Licht“ lässt sich mit elektrischen Kerzen spielen: Jedes Kind schaltet beim Sprechen das Licht des nächsten an.
Weihnachtsgedichte zum Aufsagen für Oma und Opa
Großeltern sind oft das dankbarste Publikum – sie hören beim dritten Versprecher noch genauso gerührt zu wie beim ersten. Die Verse sprechen Oma und Opa direkt an; manche funktionieren auch am Telefon.
Liebe Oma
Liebe Oma, setz dich hin, / weil ich heut dein Dichter bin. / Hör gut zu, denn das ist wahr: / Du bist spitze – jedes Jahr!
Für Opa
Opa, du hast immer Zeit, / bist zum Spielen gleich bereit, / liest mir vor und baust mit mir – / darum sag ich: Danke dir!
Wenn ihr weit weg wohnt
Ihr wohnt so weit, ich bin so klein, / doch heut soll’s trotzdem Weihnacht sein. / Ich sag es laut ins Telefon: / Frohe Weihnacht! Hört ihr’s schon?
Ein Bild für euch
Ich hab für euch ein Bild gemalt: / Ein Baum, der bis zum Himmel strahlt, / dazu ein Stern und euer Haus – / und ihr zwei winkt zum Fenster raus.
Wie war es bei euch?
Wie war es, als ihr Kinder wart? / Hat’s auch geschneit, so weiß und zart? / Gab’s Plätzchen, Lieder, Kerzenlicht? / Ich hör euch zu, ich störe nicht.
Das letzte Gedicht ist eher eine Einladung: Aus vier Zeilen wird oft ein langes Gespräch auf dem Sofa.
Lustige Weihnachtsgedichte für Kinder
Kinder lachen am liebsten über Pannen, bei denen niemand wirklich zu Schaden kommt: eine Katze im Baum, eine leere Keksdose, ein Weihnachtsmann mit Schnupfen. Wichtig ist, dass die Pointe am Ende kommt und das Kind sie selbst liefern darf. Weitere Verse mit Augenzwinkern für Familie und Feier stehen bei den lustigen Weihnachtsgedichten.
Der lange Zettel
Mein Zettel ist schon meterlang, / dem Christkind wird schon angst und bang. / Es seufzt: Mein Schlitten ist zu klein, / da passt ja nur der Zettel rein!
Die Katze und der Baum
Die Katze sitzt vorm Weihnachtsbaum / und schaut die Kugeln an. / Sie denkt: Das ist ja wie ein Traum! / Ob man da klettern kann?
Ein Sprung – und rums! Da liegt der Baum / mit Kugeln, Stern und Licht. / Die Katze blinzelt, rührt sich kaum: / Wer, ich? Ich war das nicht!
Der Weihnachtsmann hat Schnupfen
Der Weihnachtsmann hat Schnupfen, / er niest: Hatschi! Hatschee! / Da fliegt vom Dach und Schlitten / der ganze frische Schnee.
Er schnäuzt sich laut wie Donner, / das Rentier ruft: Igitt! / Jetzt ab ins Bett, du Armer, / und bis zum Fest sei fit!
Die Plätzchendose
Die Plätzchendose war ganz voll / mit Sternen, Herzen – einfach toll! / Heut früh ist sie fast leer. Oh nein! / Wer war das bloß? Der Hund? Kann sein. / Nur hängen Krümel, Zucker, Zimt / an meinem Kinn. Ob das wohl stimmt?
Kein Schornstein
Wir haben keinen Schornstein hier – / wie kommt der Weihnachtsmann zu mir? / Der Sack ist schwer, das Haus ist groß – / durchs Fenster? Mit dem Lift? Wie bloß? / Ich mal ein Schild: Hier wohnt ein Kind! / Und bitte klingeln! Komm geschwind!
Weihnachtsgedichte für mehrere Kinder und die Gruppe
In der Kita, bei der Schulfeier oder wenn viele Cousinen und Cousins unterm Baum sitzen, funktionieren Verse, die sich mehrere Kinder teilen. Keines steht allein im Mittelpunkt, und wer seinen Teil vergisst, wird von den anderen mitgetragen.
Stern, Engel, Hirte, Kerze (Rollenvers für vier Kinder)
Stern: Ich bin der Stern, ich leuchte weit, / ich zeige euch: Jetzt ist es Zeit.
Engel: Ich bin ein Engel, hell und leis, / ich singe, was ich Schönes weiß.
Hirte: Ich bin ein Hirte mit dem Stab, / ich bringe mit, was ich nur hab.
Kerze: Ich bin die Kerze, brenne sacht, / ich leuchte euch durch diese Nacht.
Alle: Wir stehen hier, ob groß, ob klein, / und wünschen euch viel Kerzenschein!
Bei mehr als vier Kindern sprechen mehrere dieselbe Rolle im Chor.
Hört ihr es klingen? (Echo-Gedicht)
Hört ihr es klingen? / Leise und fein. / Wer mag das bringen? / Lasst es herein!
Seht ihr es glänzen? / Hell wie ein Stern! / Kerzen an Kränzen – / das haben wir gern!
Riecht ihr den Kuchen? / Duft liegt im Raum. / Kommt, lasst uns suchen – / dort unterm Baum!
Ein Kind spricht jede Zeile vor, die Gruppe wiederholt sie im gleichen Ton – auch im Flüstern.
Das erste Kind bringt einen Stern (Zählvers)
Das erste Kind bringt einen Stern, / das zweite hat die Plätzchen gern, / das dritte trägt ein Licht herein, / das vierte singt ganz hell und fein, / das fünfte schüttelt Schnee vom Hut, / das sechste sagt: Jetzt wird es gut. / Und alle rufen: Eins, zwei, drei – / das Fest beginnt, wir sind dabei!
Jedes Kind tritt bei seiner Zeile vor, die letzten zwei Zeilen sprechen alle. Wer danach noch etwas Ruhiges vorlesen möchte, findet passende Texte bei der Weihnachtsgeschichte für Kinder.
Gemeinfreie Klassiker für ältere Kinder
Wollen Kinder in der dritten oder vierten Klasse ein „richtiges altes“ Gedicht lernen, lohnt der Blick ins 19. Jahrhundert. Damals wurde Weihnachten im Bürgertum zum Familienfest rund um die Kinder – so zeichnet es Ingeborg Weber-Kellermann in ihrem Standardwerk über das Weihnachtsfest nach. Viele Texte aus dieser Zeit stehen bis heute in Gedichtsammlungen.
Die Verfasser der folgenden drei Texte sind seit weit über siebzig Jahren tot, die Texte also gemeinfrei. Der Wortlaut folgt den genannten alten Ausgaben (auf Wikisource als Scan und Abschrift), daher Schreibungen wie „geh’ ich“. Für eine Karte darfst du sie modernisieren.
Joseph von Eichendorff: „Weihnachten“
Eichendorff (1788–1857) beschreibt einen Gang durch die festlich stille Stadt und hinaus ins verschneite Feld. Zitiert nach „Joseph Freiherrn von Eichendorff’s sämmtliche Werke“, Band 1, 2. Auflage, Leipzig 1864.
Markt und Straßen stehn verlassen, / Still erleuchtet jedes Haus, / Sinnend geh’ ich durch die Gassen, / Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen / Buntes Spielzeug fromm geschmückt, / Tausend Kindlein stehn und schauen, / Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern / Bis hinaus in’s freie Feld, / Hehres Glänzen, heil’ges Schauern! / Wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen, / Aus des Schneees Einsamkeit / Steigt’s wie wunderbares Singen – / O du gnadenreiche Zeit!
Vor dem Lernen lohnt sich ein kurzes Gespräch über drei Wörter: „sinnend“ heißt nachdenklich, „hehr“ bedeutet erhaben und feierlich, und mit dem „Schauern“ ist kein Frieren gemeint, sondern ein ehrfürchtiges Staunen. Ein zweites Gedicht von Eichendorff, die „Winternacht“, steht bei den Wintergedichten.
Robert Reinick: „Der Weihnachtsbaum“
Reinick (1805–1852) war Maler und Dichter und schrieb viel für Kinder. Nach einer fröhlichen ersten Strophe, in der der Baum ins Haus kommt, spielen die drei weiteren mit einem Rätsel: Was wird er morgen tragen? Zitiert nach seinem „Märchen-, Lieder- und Geschichtenbuch“, 9. Auflage, Bielefeld und Leipzig 1889.
Du armer, armer Tannenbaum, / Wie war dir draußen weh! – / Du strecktest deine Arme aus / Und trugst doch nichts als Schnee!
So sag uns doch, du schmucker Baum, / Was wirst du morgen tragen? / Hoho, so darf man Narren wohl, / Doch keinen Christbaum fragen. –
Juchheissassa, juchheissassa! / Wie ist der Schnee so weiß, / Wie grün ist doch der Tannenbaum! / Der weiß schon, was er weiß! – –
Karl Friedrich Splittegarb: „Morgen, Kinder, wird’s was geben“
Eigentlich ein Lied, das sich aber auch gut sprechen lässt. Nach Angaben des Musikforschers Max Friedlaender erschien der Text erstmals 1795 in Splittegarbs Sammlung „Lieder zur Bildung des Herzens“ und lehnt sich an ein noch älteres Lied an. Zitiert nach dem Liederbuch „Als der Großvater die Großmutter nahm“, Leipzig 1886; hier die erste von fünf Strophen.
Morgen, Kinder, wird’s was geben, / Morgen werden wir uns freun; / Welch ein Jubel, welch ein Leben / Wird in unserm Hause sein! / Einmal werden wir noch wach, / Heisa, dann ist Weihnachtstag!
Anna Ritters „Vom Christkind“ und Storms „Knecht Ruprecht“ fehlen hier mit Absicht; ihre Anfänge stehen in der eingangs verlinkten Sammlung. Viele beliebte Kinderverse des 20. Jahrhunderts, etwa von James Krüss, sind noch geschützt, und bei namenlosen Kita-Reimen lässt sich die Herkunft oft nicht klären. Vortragen darfst du sie im Familienkreis, online stellen solltest du sie nicht.
Weihnachtsgedichte zum Auswendiglernen: so klappt es
Ob ein Gedicht unterm Baum sitzt, entscheidet sich meist in den zwei Wochen davor. Such dir aus, was zu deinem Kind passt.
- Erst verstehen, dann lernen. Lass dein Kind das Gedicht zuerst in eigenen Worten nacherzählen: Wer kommt vor, was passiert? Wer die Handlung kennt, findet die nächste Zeile über den Inhalt.
- Für jede Zeile ein Bild. Kinder, die noch nicht lesen, malen zu jeder Zeile ein kleines Symbol auf einen Papierstreifen – Stern, Glocke, Tür. So entsteht ein Spickzettel, den nur das Kind entziffern kann.
- Reimwörter weglassen. Du sprichst die Zeile, dein Kind ergänzt das letzte Wort. Danach tauscht ihr: Das Kind spricht, du ergänzt – und baust absichtlich einen Fehler ein, den es korrigieren darf.
- Nebenbei im Alltag üben. Auf der Treppe passt ein betontes Wort auf jede Stufe, im Auto lässt sich das Gedicht im Wechsel sprechen, beim Händewaschen reicht genau eine Strophe.
- Die eigene Stimme hören. Nehmt das Gedicht mit dem Handy auf. Viele Kinder hören sich selbst gern zu und sprechen beim dritten Abspielen schon mit.
- Generalprobe vor Kuscheltieren. Stofftiere auf dem Sofa sind ein Publikum, das nie lacht, wenn man hängen bleibt.
Beim Vortrag selbst gilt: Dein Kind entscheidet, wann es so weit ist – vor dem Essen, nach der Bescherung oder gar nicht. Wer sich allein nicht traut, spricht zu zweit. Und wenn mitten im Gedicht der Faden reißt, spricht einfach ein Erwachsener die Zeile mit, als wäre das von Anfang an so geplant gewesen.
Häufige Fragen
Gibt es ein schönes Weihnachtsgedicht für Kinder?
Ja, für jedes Alter. Kleinkinder mögen Zweizeiler wie „Sternchen funkelt, Sternchen lacht“, Kindergartenkinder Verse mit einer Figur wie „Der kleine Engel“, Schulkinder Erzählgedichte oder Eichendorffs „Weihnachten“. Schön ist ein Gedicht vor allem dann, wenn das Kind es selbst ausgesucht hat und jedes Wort darin versteht.
Welche kurzen, schönen Weihnachtsgedichte gibt es?
Kurz und schön sind Vierzeiler im Paarreim, etwa „Grüner Baum, so groß und dicht“ oder „Weihnachtsmann mit weißem Bart“ aus dieser Sammlung. Unter den alten Texten gehören die erste Strophe von „Alle Jahre wieder“ von Wilhelm Hey und der Volksvers „Advent, Advent“ dazu. Für eine gebastelte Karte reichen oft schon zwei Zeilen.
Welche kurzen Gedichte gibt es für Kinder?
Neben Weihnachtsversen gibt es Zweizeiler, Abzählreime, Fingerspiele und Rätselgedichte für das ganze Jahr. Für Kinder unter vier Jahren eignen sich vor allem Verse mit Bewegung oder Klangwörtern, für Ältere kurze Reime mit Pointe. Kurze Sätze für Brotdose, Kopfkissen und Karte findest du bei den Sprüchen für Kinder.
Was sind die bekanntesten Weihnachtsgedichte?
Fast jede Sammlung enthält Theodor Storms „Knecht Ruprecht“, Anna Ritters „Vom Christkind“ und Eichendorffs „Weihnachten“. Bei Kindern ebenso verbreitet sind Liedtexte, die man auch sprechen kann, etwa „Alle Jahre wieder“ oder „Morgen, Kinder, wird’s was geben“.
Was tun, wenn mein Kind nicht vor allen aufsagen möchte?
Dann muss es nicht. Ein Gedicht ist ein Geschenk, keine Prüfung. Biete Alternativen an: gemeinsam sprechen, nur einer einzigen Person ins Ohr flüstern, den Vers vorher aufnehmen und abspielen oder ihn aufgeschrieben und bemalt verschenken. Oft klappt es im nächsten Jahr von selbst.
Fazit: Das richtige Gedicht passt in den Mund des Kindes
Ein gutes Weihnachtsgedicht für Kinder ist nicht das längste oder das berühmteste, sondern das, welches ein Kind mit eigener Stimme sprechen kann. Für die Kleinsten heißt das: zwei Zeilen und eine Bewegung. Im Kindergarten: eine kleine Geschichte. In der Grundschule: Strophen mit Wendung oder ein echter Klassiker. Und wird es am Ende nur ein geflüsterter Satz, war es trotzdem ein Gedicht.











