Rilke Gedichte gehören zu den bekanntesten Versen der deutschen Literatur, und doch kennen viele nur zwei Zeilen daraus: den Panther hinter seinen Stäben und den Sommer, der „sehr groß“ war. Hier findest du zwölf Gedichte von Rainer Maria Rilke im Wortlaut der historischen Drucke, jeweils mit Band, Jahr und einer kurzen Deutung. Dazu kommen fünfzehn belegte Sätze aus den „Briefen an einen jungen Dichter“ mit Briefnummer und Datum, weitere Zitate aus den Gedichten und ein Abschnitt über Sätze, die unter seinem Namen kursieren, aber so nicht von ihm stammen.
Die Gedichte haben wir an Wikisource-Ausgaben mit Scans der alten Bücher geprüft, die Briefe an einer vollständigen Textfassung. Die alte Schreibung bleibt stehen, also „daß“, „muß“ und „gieb“. Rilke ist gemeinfrei, du darfst alles hier abschreiben und teilen.
Wer Rainer Maria Rilke war
Rilke kam am 4. Dezember 1875 in Prag zur Welt, getauft auf den Namen René. Als Junge besuchte er die Militär-Unterrealschule in St. Pölten. Den Vornamen Rainer wählte er 1897, nachdem er in München Lou Andreas-Salomé kennengelernt hatte; sie hielt ihn für passender für einen Schriftsteller. Nach zwei Russlandreisen mit ihr (1899 und 1900) entstand „Das Stunden-Buch“, das ihr gewidmet ist.
Im Sommer 1902 ging Rilke nach Paris, um über den Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben, 1905 und 1906 war er einige Monate dessen Sekretär. In Paris lernte er, genau hinzusehen. Daraus wuchsen die „Neuen Gedichte“ (1907) und „Der neuen Gedichte anderer Teil“ (1908), 1910 folgte sein Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Die „Duineser Elegien“, 1912 auf Schloss Duino begonnen, und die „Sonette an Orpheus“ erschienen beide 1923. Die letzten Jahre lebte er im Wallis. Er starb am 29. Dezember 1926 in der Klinik Valmont oberhalb von Montreux, kurz nachdem bei ihm Leukämie festgestellt worden war. Begraben liegt er auf dem Bergfriedhof von Raron.
Die bekanntesten Rilke-Gedichte
Diese vier Gedichte stehen in fast jeder Auswahl, alle stammen aus Rilkes Pariser Jahren.
Der Panther (Neue Gedichte, 1907)
Im Jardin des Plantes, Paris / Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, daß er nichts mehr hält. / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt. / Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht. / Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, / geht durch der Glieder angespannte Stille – / und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke, „Der Panther“, entstanden 1902 oder 1903, zuerst gedruckt im September 1903 in der Prager Zeitschrift „Deutsche Arbeit“, dann in den „Neuen Gedichten“ (1907).
Das Gedicht gilt als Musterbeispiel eines Dinggedichts: Rilke sagt kein Wort über eigene Gefühle, er schaut nur. Schon die erste Zeile dreht die Perspektive um: Nicht der Panther läuft an den Stäben entlang, die Stäbe ziehen an seinem Blick vorbei. Die zweite Strophe zeigt Kraft, die nirgends hin kann. In der dritten öffnet sich das Auge für einen Moment, ein Bild dringt ein und erlischt. Die letzte Zeile ist kürzer als alle anderen und bricht ab wie das Bild, das sie beschreibt.
Herbsttag (Das Buch der Bilder, 1906)
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / […] / Wer jetzt kein Haus hat baut sich keines mehr.
Rainer Maria Rilke, „Herbsttag“, entstanden im September 1902 in Paris, hier nach der erweiterten Ausgabe des „Buchs der Bilder“ von 1906. Den vollständigen Wortlaut mit allen drei Strophen findest du bei unseren Herbstgedichten.
Das Gedicht ist ein Gebet und wächst wie eine Ernte: Die erste Strophe hat drei Zeilen, die zweite vier, die dritte fünf. In den ersten beiden Strophen spricht ein Ich lauter Bitten aus: leg, laß, befiehl, gieb, dränge, jage. In der letzten hören die Bitten auf, übrig bleibt ein nüchternes „wird“. Rilke schrieb das kurz nach seiner Ankunft in einer fremden Großstadt, und genau dieser Wechsel vom Bitten zum Feststellen macht den Schluss so kühl.
Das Karussell (Neue Gedichte, 1907)
Jardin du Luxembourg / Mit einem Dach und seinem Schatten dreht / sich eine kleine Weile der Bestand / von bunten Pferden, alle aus dem Land / das lange zögert eh es untergeht. / Zwar manche sind an Wagen angespannt, / doch alle haben Mut in ihren Mienen; / ein böser roter Löwe geht mit ihnen / und dann und wann ein weißer Elefant.
Rainer Maria Rilke, „Das Karussell“, aus den „Neuen Gedichten“ (1907); zitiert sind die ersten acht von 27 Versen.
Der Vers mit dem weißen Elefanten steht dreimal im Gedicht, so wie das Tier immer wieder am Zuschauer vorbeikommt. Das Land, „das lange zögert eh es untergeht“, lässt sich als die Kindheit lesen, und später sitzen Mädchen auf den Pferden, die dem Spiel „fast schon entwachsen“ sind.
Archaïscher Torso Apollos (Der neuen Gedichte anderer Teil, 1908)
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz / unter der Schultern durchsichtigem Sturz / und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; / und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke, „Archaïscher Torso Apollos“, 1908 in Paris geschrieben, das Eröffnungsgedicht des zweiten Teils der „Neuen Gedichte“. Zitiert sind die beiden Terzette des Sonetts.
Einer antiken Statue fehlt der Kopf, und trotzdem schaut sie zurück. Dreizehn Zeilen lang beschreibt Rilke Brust, Lenden und Stein, dann kippt der letzte Satz in einen Befehl an dich. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat ihn als Titel eines Essays gewählt, und 2009 war er als Schriftzug am Theater Freiburg zu sehen.
Rilke-Gedichte über die Liebe
Rilkes Liebesgedichte schwärmen selten, sie fragen nach Nähe und Abstand. Weitere Klassiker anderer Dichter stehen in unserer Sammlung der Liebesgedichte.
Die Liebende (Das Buch der Bilder, 1906)
Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite / mich verlierend selbst mir aus der Hand, / ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite, / was zu mir kommt wie aus deiner Seite / ernst und unbeirrt und unverwandt. / … jene Zeiten: O wie war ich Eines, / nichts was rief und nichts was mich verrieth / meine Stille war wie eines Steines, / über den der Bach sein Murmeln zieht. / Aber jetzt in diesen Frühlingswochen / hat mich etwas langsam abgebrochen / von dem unbewußten dunkeln Jahr. / Etwas hat mein armes warmes Leben / irgendeinem in die Hand gegeben, / der nicht weiß was ich noch gestern war.
Rainer Maria Rilke, „Die Liebende“, nach der Ausgabe des „Buchs der Bilder“ von 1906.
Rilke leiht hier einer Frau die Stimme, und sie erzählt vom Verlieben als Kontrollverlust. Früher war sie ganz bei sich, still wie ein Stein im Bach. Dann kommen die Frühlingswochen und brechen sie aus ihrem alten Leben heraus. Die letzte Zeile ist die ehrlichste: Der Mensch, dem sie ihr Leben anvertraut, kennt die Frau von gestern gar nicht.
Rilkes bekanntestes Liebesgedicht ist das „Liebes-Lied“ aus den „Neuen Gedichten“ (1907), in dem die Liebe wirkt wie ein Bogen, der über zwei Saiten streicht, bis nur noch eine Stimme klingt. Den Wortlaut findest du bei unseren Gedichten zur Hochzeit, wo es als Trauungstext steht.
Lösch mir die Augen aus (Das Stunden-Buch, 1905)
Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn, / wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören, / und ohne Füße kann ich zu dir gehn, / und ohne Mund noch kann ich dich beschwören. / Brich mir die Arme ab, ich fasse dich / mit meinem Herzen wie mit einer Hand, / halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen, / und wirfst du in mein Hirn den Brand, / so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
Rainer Maria Rilke, aus „Das Buch von der Pilgerschaft“ (1901), dem zweiten Teil des „Stunden-Buchs“, gedruckt 1905.
Im Zyklus ist das „du“ Gott, doch weil kein Name fällt, lesen viele die neun Zeilen als Liebesgedicht. Der Aufbau ist eine Steigerung: Jeder Sinn wird genommen, und jedes Mal springt ein anderes Organ ein, bis zuletzt nur noch das Blut übrig ist. Leonard Bernstein vertonte den Text 1949 in seinen „Two Love Songs“.
Rilke über Herbst, Abschied und Trauer
Rilkes zweites berühmtes Herbstgedicht, „Herbst“, steht ebenfalls vollständig bei den Herbstgedichten. Die beiden folgenden Texte handeln nicht vom Laub, sondern vom Ende.
Ernste Stunde (Das Buch der Bilder, 1906)
Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, / ohne Grund weint in der Welt, / weint über mich. / Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, / ohne Grund lacht in der Nacht, / lacht mich aus. / Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, / ohne Grund geht in der Welt, / geht zu mir. / Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, / ohne Grund stirbt in der Welt: / sieht mich an.
Rainer Maria Rilke, „Ernste Stunde“, nach der Ausgabe des „Buchs der Bilder“ von 1906.
Vier Strophen, gebaut wie eine Litanei: weinen, lachen, gehen, sterben. Jedes Mal steht ein fremder Mensch irgendwo auf der Welt, und jedes Mal führt die Bewegung auf das Ich zurück. Vor der letzten Zeile ersetzt ein Doppelpunkt das Komma, als halte das Gedicht kurz den Atem an. In der Trauer kann das tröstlich wirken, weil es Fremde miteinander verbindet: Wer irgendwo stirbt, sieht dabei das Ich an, kein Ende bleibt ganz ohne Zeugen.
Der Schwan (Neue Gedichte, 1907)
Diese Mühsal, durch noch Ungetanes / schwer und wie gebunden hinzugehn, / gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes. / Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen / jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn, / seinem ängstlichen Sich-Niederlassen –: / in die Wasser, die ihn sanft empfangen / und die sich, wie glücklich und vergangen, / unter ihm zurückziehn, Flut um Flut; / während er unendlich still und sicher / immer mündiger und königlicher / und gelassener zu ziehn geruht.
Rainer Maria Rilke, „Der Schwan“, aus den „Neuen Gedichten“ (1907).
An Land watschelt der Schwan, im Wasser gleitet er. Rilke macht daraus einen Vergleich für unser Leben: Das Gehen durch unerledigte Aufgaben ist der mühsame Gang am Ufer, das Sterben der ängstliche Moment, in dem der Boden unter den Füßen verschwindet. Danach trägt das Wasser. Weitere gemeinfreie Verse für Karte und Abschied findest du bei den Trauergedichten.
Rilke-Gedichte über das Leben und das Wachsen
Das „Stunden-Buch“ entstand in drei Schüben: 1899 in Berlin-Schmargendorf, 1901 in Westerwede bei Worpswede, 1903 in Viareggio. Ein Ich in der Rolle eines Mönchs spricht darin mit Gott, doch viele Strophen lesen sich wie Selbstgespräche.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen (Das Stunden-Buch, 1905)
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn. / Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, / aber versuchen will ich ihn. / Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, / und ich kreise jahrtausendelang; / und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm / oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke, aus „Das Buch vom mönchischen Leben“ (geschrieben 1899), dem ersten Teil des „Stunden-Buchs“.
Acht Zeilen, die oft als Lebensmotto zitiert werden. Spannend ist der zweite Satz: Das Ich rechnet damit, das Ziel nicht zu erreichen, und will es trotzdem. In der zweiten Strophe weiß es nicht einmal, was es ist. Es passt zu Wendepunkten, an denen nicht alles geklärt sein muss.
Vorgefühl (Das Buch der Bilder, 1906)
Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben. / Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben, / während die Dinge unten sich noch nicht rühren: / Die Thüren schließen noch sanft und in den Kaminen ist Stille; / die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer. / Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer. / Und breite mich aus und falle in mich hinein / und werfe mich ab und bin ganz allein / in dem großen Sturm.
Rainer Maria Rilke, „Vorgefühl“, nach der Ausgabe des „Buchs der Bilder“ von 1906. Arnold Schönberg vertonte es in seinen „Vier Liedern“ op. 22.
Unten ist alles ruhig, oben flattert schon die Fahne. Das Gedicht beschreibt den Moment, in dem jemand eine Veränderung spürt, bevor sie sichtbar wird. Am Ende jagen sich die Verben, und die Schlusszeile ist wieder auffallend kurz.
Kurze Rilke-Gedichte
Zwei sehr kurze Texte zeigen den späten Rilke. Mehr knappe Verse anderer Dichter sammeln wir bei den kurzen Gedichten.
Rose, oh reiner Widerspruch (Grabspruch, 1925)
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, / Niemandes Schlaf zu sein unter soviel / Lidern.
Rainer Maria Rilke, Grabspruch, von ihm im Oktober 1925 testamentarisch für seinen Grabstein in Raron bestimmt.
Drei Zeilen ohne ein einziges gebeugtes Verb, dafür ein Bild, über das seit Jahrzehnten geschrieben wird. Die Blütenblätter der Rose erscheinen als Lider, unter denen niemand schläft. Im Wort „Lidern“ lässt sich „Liedern“ mithören, also die Gedichte, die bleiben, wenn der Dichter fehlt.
Wir sind die Treibenden (Die Sonette an Orpheus, 1923)
Wir sind die Treibenden. / Aber den Schritt der Zeit, / nehmt ihn als Kleinigkeit / im immer Bleibenden. / Alles das Eilende / wird schon vorüber sein; / denn das Verweilende / erst weiht uns ein. / Knaben, o werft den Mut / nicht in die Schnelligkeit, / nicht in den Flugversuch. / Alles ist ausgeruht: / Dunkel und Helligkeit, / Blume und Buch.
Aus den „Sonetten an Orpheus“ (1923), Sonett XXII des ersten Teils. Auf dem Titelblatt nennt Rilke den Zyklus ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop.
Ein Sonett mit Zeilen so kurz wie ein Kinderreim. Man kann darin eine Antwort auf das Tempo der Moderne lesen: Autos, Flugzeuge, Eile. Rilke setzt das Verweilen dagegen, und am Ende stehen vier Dinge gleichberechtigt nebeneinander, Dunkel und Helligkeit, Blume und Buch.
Rilke Zitate aus den Briefen an einen jungen Dichter
Zwischen 1903 und 1908 schrieb Rilke zehn Briefe an Franz Xaver Kappus, einen jungen Mann, der ihm seine ersten Gedichte geschickt hatte. 1929 erschienen sie im Insel-Verlag mit einem Vorwort von Kappus und gelten heute als Rilkes meistgelesenes Buch. Die Originale ließ Kappus 1953 versteigern, ihr Verbleib ist unbekannt. Rilke siezt seinen Briefpartner; die verbreiteten Du-Fassungen sind spätere Bearbeitungen.
- „Niemand kann Ihnen raten und helfen, niemand. Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich.“ – Brief 1, Paris, 17. Februar 1903
- „Ein Kunstwerk ist gut, wenn es aus Notwendigkeit entstand.“ – Brief 1, Paris, 17. Februar 1903
- „Suchen Sie die Tiefe der Dinge: dort steigt Ironie nie hinab“ – Brief 2, Viareggio, 5. April 1903
- „Alles ist austragen und dann gebären.“ – Brief 3, Viareggio, 23. April 1903
- „Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt“ – Brief 3, Viareggio, 23. April 1903
- „Geduld ist alles!“ – Brief 3, Viareggio, 23. April 1903
- „… Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben“ – Brief 4, Worpswede, 16. Juli 1903
- „Leben Sie jetzt die Fragen.“ – Brief 4, Worpswede, 16. Juli 1903; im nächsten Satz folgt die Hoffnung, eines Tages in die Antwort hineinzuleben.
- „es gibt nur eine Einsamkeit, und die ist groß und ist nicht leicht zu tragen“ – Brief 6, Rom, 23. Dezember 1903, ein Gruß kurz vor Weihnachten
- „es ist gut, einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer“ – Brief 7, Rom, 14. Mai 1904
- „Liebhaben von Mensch zu Mensch: das ist vielleicht das Schwerste, was uns aufgegeben ist“ – Brief 7, Rom, 14. Mai 1904. Aus demselben Brief stammt das Bild von den zwei Einsamkeiten, das du bei unseren Zitaten über die Liebe findest.
- „vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen.“ – Brief 8, Borgeby gård (Schweden), 12. August 1904
- „daß das Leben Sie nicht vergessen hat, daß es Sie in der Hand hält; es wird Sie nicht fallen lassen.“ – Brief 8, über Zeiten großer Traurigkeit
- „… daß die Zukunft in solcher Weise in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht.“ – Brief 8, Borgeby gård, 12. August 1904
- „Auch die Kunst ist nur eine Art zu leben“ – Brief 10, Paris, am zweiten Weihnachtstag 1908
Weitere Rainer Maria Rilke Zitate aus Gedichten und Elegien
- „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel / Ordnungen?“ – der Anfang der ersten Duineser Elegie (1923)
- „Laß dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.“ – aus „Das Buch vom mönchischen Leben“ im „Stunden-Buch“, im Gedicht „Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht“
- „Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter / dir, wie der Winter, der eben geht.“ – „Die Sonette an Orpheus“, zweiter Teil, Sonett XIII
- „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“ – letzter Vers des „Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth“, erschienen 1909
Genauso prüfen wir in dieser Reihe die Goethe-Zitate und die Sätze von Nietzsche.
Rilke zugeschrieben, aber unbelegt oder verändert
Bei Rilke ist das Problem seltener die glatte Fälschung als die stille Bearbeitung. Ein echter Satz wird geduzt, gekürzt oder verschoben. Sechs häufige Beispiele:
- „Lebe die Fragen.“ Der Gedanke ist echt, der Wortlaut nicht. Im vierten Brief vom 16. Juli 1903 heißt es „Leben Sie jetzt die Fragen“, Rilke siezt Kappus durchgehend.
- „Zwei Einsamkeiten beschützen und begrenzen und grüßen sich.“ Im Brief vom 14. Mai 1904 besteht die Liebe darin, dass zwei Einsamkeiten einander „schützen, grenzen und grüßen“. Aus den drei knappen Verben sind in der Umlauffassung andere geworden.
- „Die Schönheit ist nur des Schrecklichen Anfang.“ In der ersten Duineser Elegie steht „das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen“. Der Nebensatz, der den Gedanken trägt, fällt meist weg.
- „Wir leben unser Leben in wachsenden Ringen.“ Im „Stunden-Buch“ spricht ein einzelnes Ich: „Ich lebe mein Leben“.
- „Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen.“ Im dritten Brief bezieht Rilke diese Formulierung auf die eigenen Urteile des jungen Dichters, die langsam reifen sollen, nicht auf „die Dinge“ allgemein.
- „Die einzige Reise ist die Reise nach innen.“ Für diesen Satz haben wir in Rilkes Werken keine Fundstelle gefunden, und die verbreiteten Zitatseiten nennen keine. Eine sehr ähnliche Zeile, die längste Reise sei die nach innen, wird meist Dag Hammarskjöld zugeschrieben. Rilkes Rat „Gehen Sie in sich“ aus dem ersten Brief ist verwandt, sagt aber etwas anderes.
Faustregel: Ein echtes Rilke-Zitat gehört zu einem Gedichttitel oder einem datierten Brief. Fehlt beides, prüf den Volltext, bevor du es weitergibst.
Rilke gemeinfrei online lesen
Fast alles von Rilke kannst du kostenlos im Original lesen. Wikisource bietet die „Neuen Gedichte“, „Das Buch der Bilder“, „Das Stunden-Buch“, die „Duineser Elegien“ und die „Sonette an Orpheus“ mit Scans der historischen Drucke. Die zehn Briefe an Kappus stehen vollständig auf der Seite rilke.de, die Wikipedia in ihrem Artikel zu den Briefen verlinkt. Auch Projekt Gutenberg-DE führt Texte von Rilke.
Für den Einstieg empfehlen wir die „Neuen Gedichte“, weil sie anschaulich sind, dann die Briefe und das „Stunden-Buch“. Elegien und Sonette lohnen sich, wenn du ein Gefühl für seine Sprache hast.
Häufige Fragen
Was ist das bekannteste Gedicht von Rilke?
Am häufigsten wird „Der Panther“ genannt, das Gedicht über ein Raubtier im Käfig des Pariser Jardin des Plantes aus den „Neuen Gedichten“ von 1907. Ähnlich oft fällt der Name „Herbsttag“, das Gedicht mit dem Anfang „Herr: es ist Zeit“. Eine offizielle Rangliste gibt es nicht.
Was sind die besten Zitate von Rilke?
Häufig zitiert werden „Du mußt dein Leben ändern“ aus „Archaïscher Torso Apollos“, „Leben Sie jetzt die Fragen“ aus dem vierten Brief an Kappus und das Bild von den Drachen, die vielleicht Prinzessinnen sind, aus dem achten Brief. Für eine Karte eignen sich kurze Sätze mit klarer Fundstelle am besten.
Was muss man von Rilke gelesen haben?
Ein guter Grundstock sind die „Neuen Gedichte“ mit dem Panther und dem Karussell, die zehn „Briefe an einen jungen Dichter“ und eine Auswahl aus dem „Stunden-Buch“. Wer tiefer einsteigen will, liest die „Duineser Elegien“, die „Sonette an Orpheus“ und den Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“.
Welche Gedichte von Rilke sind die schönsten?
Das ist Geschmackssache, aber einige Texte werden immer wieder genannt: „Liebes-Lied“ für die Liebe, „Herbsttag“ für den Herbst, „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ für Lebenswenden und „Der Schwan“ für den Abschied. Lies sie laut, viele Zeilen öffnen sich erst beim Sprechen.
Ist Rilke gemeinfrei?
Ja. Das deutsche Urheberrecht schützt Texte bis 70 Jahre nach dem Tod ihres Verfassers, die Frist läuft ab dem Ende des Todesjahres. Rilke starb 1926, also sind seine Texte seit dem 1. Januar 1997 frei. Geschützt sein können aber neue Übersetzungen, Kommentare und Nachworte heutiger Ausgaben. Den Originaltext darfst du abschreiben, posten und drucken.
Fazit: Rilke langsam lesen
Rilke ist kein Dichter für den schnellen Spruch. Seine besten Gedichte schauen genau hin, auf einen Panther, ein Karussell, einen Schwan, und lassen dich im Bild selbst etwas über dein Leben finden. Wenn du ihn verschenkst, nimm den echten Wortlaut, nenne Gedicht oder Brief und gib dem Text Zeit.










