Weihnachtsgeschichte für Kinder: Bibel, Vorlesen & Klassiker

Weihnachtsgeschichte für Kinder: die Bibel kindgerecht nacherzählt, fünf neue Vorlesegeschichten ab 3 Jahren, Klassiker, Mini-Krippenspiel und Vorlesetipps.

von Laura Bergmann21 Min. Lesezeit
Weihnachtsgeschichte für Kinder: Bibel, Vorlesen & Klassiker
Inhalt 9 Abschnitte
  1. Die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel, kindgerecht erzählt
  2. Was in der Bibel steht und was erst später dazukam
  3. Kurze Weihnachtsgeschichten für Kinder ab drei Jahren
  4. Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen für Kinder ab sechs
  5. Für ältere Kinder: eine Wichtelgeschichte zum Selberlesen
  6. Klassische Weihnachtsgeschichten: gemeinfreie Märchen kurz vorgestellt
  7. Weihnachtsgeschichte für den Kindergarten: Krippenspiel und Erzählfiguren
  8. Vorlese-Adventskalender: eine Geschichte in 24 Teilen
  9. Vorlesetipps: So kommt die Geschichte bei Kindern an

Eine Weihnachtsgeschichte für Kinder ist oft der ruhigste Moment im ganzen Dezember: Licht aus, Kerze an, und für ein paar Minuten hört die Familie nur noch zu. Hier findest du drei Dinge an einem Ort. Zuerst die biblische Weihnachtsgeschichte aus Lukas und Matthäus, in eigenen Worten kindgerecht nacherzählt und mit Fundstellen. Danach fünf neue Vorlesegeschichten für verschiedene Altersstufen, die auch in Familien funktionieren, die nicht religiös feiern. Und schließlich bekannte Klassiker, ein Mini-Krippenspiel und eine Idee für einen Vorlese-Adventskalender.

Die neuen Geschichten sind eigens für dieses Magazin geschrieben. Verse zum Aufsagen sammeln wir separat: die Weihnachtsgedichte für Kinder.

Die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel, kindgerecht erzählt

Von der Geburt Jesu erzählen zwei Evangelien, und zwar sehr unterschiedlich. Lukas berichtet von der Reise nach Bethlehem, der Krippe und den Hirten (Lukas 1 und 2). Matthäus erzählt von Sterndeutern, die einem Stern folgen (Matthäus 2). Die folgende Nacherzählung hält sich an den Inhalt, glättet aber Sprache und Länge für Kinder zwischen etwa vier und acht Jahren. Jedes Kapitel dauert vorgelesen nur wenige Minuten.

Ein Engel besucht Maria (Lukas 1,26–38)

In einem kleinen Ort namens Nazareth lebte eine junge Frau, sie hieß Maria. Sie wollte bald einen Mann namens Josef heiraten. Eines Tages stand plötzlich jemand in ihrem Zimmer, den sie noch nie gesehen hatte: ein Engel, ein Bote Gottes, sein Name war Gabriel. Maria erschrak. Doch der Engel sagte: „Hab keine Angst, Maria. Gott hat dich lieb. Du wirst ein Kind bekommen, einen Sohn, und du sollst ihn Jesus nennen.“ Maria wunderte sich sehr. Wie sollte das gehen? Der Engel erklärte ihr, dass für Gott nichts unmöglich sei. Da sagte Maria leise: „Ja. Es soll so geschehen, wie du gesagt hast.“ Und der Engel ging wieder fort.

Der lange Weg nach Bethlehem (Lukas 2,1–5)

Einige Monate später, Marias Bauch war schon rund, kam ein Befehl vom Kaiser Augustus aus dem fernen Rom. Alle Menschen in seinem Reich sollten gezählt und in Listen eingetragen werden, jeder in der Stadt, aus der seine Familie stammte. Josefs Familie kam aus Bethlehem, der Stadt des Königs David. Also packten Josef und Maria ihre Sachen und machten sich auf den Weg. Der Weg war weit und staubig. Abends waren ihre Füße müde, und Maria spürte, dass das Baby bald kommen würde.

Kein Platz in der Herberge (Lukas 2,6–7)

Als sie endlich in Bethlehem ankamen, war die Stadt voller Menschen. Josef klopfte hier und fragte dort, aber in der Herberge war kein Platz mehr frei. Schließlich fanden sie einen Ort, an dem sonst Tiere untergebracht waren. In dieser Nacht kam Marias Kind zur Welt, ein kleiner Junge. Maria wickelte ihn warm in Tücher ein. Ein Bettchen gab es nicht, also legte sie ihn in eine Krippe, einen Futtertrog, in dem sonst Heu für die Tiere lag. So schlief Jesus zum ersten Mal auf Stroh.

Die Hirten auf dem Feld (Lukas 2,8–20)

Draußen vor der Stadt saßen Hirten bei ihren Schafen. Sie wachten die ganze Nacht, damit kein Tier verloren ging. Auf einmal wurde es um sie herum hell, heller als am Tag, und ein Engel stand vor ihnen. Die Hirten fürchteten sich sehr. Was der Engel dann sagte, steht in der Lutherbibel so:

„Fürchtet euch nicht! siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ (Lukas 2,10–11, Lutherbibel 1912)

Für Kinder einfacher gesagt: Habt keine Angst, ich bringe euch eine gute Nachricht für alle Menschen. In Bethlehem ist ein Kind geboren, das Gott geschickt hat. Ihr erkennt es daran, dass es in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt. Dann waren plötzlich ganz viele Engel am Himmel, sie lobten Gott und sangen vom Frieden auf der Erde. Als es wieder dunkel und still war, sahen die Hirten einander an. „Kommt, wir gehen nach Bethlehem und schauen nach!“ Sie liefen los und fanden Maria, Josef und das Kind in der Krippe, genau wie der Engel gesagt hatte. Die Hirten erzählten allen davon. Maria aber merkte sich jedes Wort und dachte noch lange darüber nach.

Die Sterndeuter folgen dem Stern (Matthäus 2,1–12)

Weit im Osten lebten kluge Männer, die nachts den Himmel beobachteten. Die Lutherbibel nennt sie Weise aus dem Morgenland, heute sagt man oft Sterndeuter. Eines Nachts entdeckten sie einen neuen Stern und waren sicher: Ein besonderer König ist geboren. Also reisten sie lange bis nach Jerusalem und fragten dort: „Wo ist der neugeborene König?“ König Herodes hörte das gar nicht gern, denn er wollte selbst der einzige König bleiben. Er ließ nachforschen und erfuhr, dass der versprochene König in Bethlehem zur Welt kommen sollte. Die Sterndeuter zogen weiter, und der Stern ging vor ihnen her, bis er über dem Haus stehen blieb, in dem das Kind war. Sie gingen hinein, sahen Jesus bei seiner Mutter Maria, knieten nieder und packten ihre Geschenke aus: Gold, Weihrauch und Myrrhe, ein kostbares, duftendes Harz. In der Nacht träumten sie, dass sie nicht zu Herodes zurückkehren sollten. Darum nahmen sie einen anderen Weg nach Hause.

Gut zu wissen für Eltern: Danach erzählt Matthäus von der Flucht nach Ägypten und einer grausamen Tat des Herodes an kleinen Kindern (Matthäus 2,13–18). Für Kita-Kinder lässt du das weg oder sagst nur, dass die Familie eine Weile in ein sicheres Land zog.

Was in der Bibel steht und was erst später dazukam

Spätestens beim Aufbauen der Krippe fragen Kinder nach. Die Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann beschreibt in ihrer Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit, wie viele heutige Weihnachtsbilder erst über Jahrhunderte zusammengewachsen sind.

  • Ochs und Esel: Lukas erwähnt keine Tiere, nur die Krippe. Die beiden kamen über eine Stelle beim Propheten Jesaja (Jesaja 1,3) und spätere Legenden in die Bilder. Auch Marias Reiseesel steht nicht im Text.
  • Der Stall: Die Bibel spricht von einer Krippe und davon, dass in der Herberge kein Raum war. Ob Stall, Höhle oder Wohnhaus, bleibt offen. Bei Matthäus finden die Sterndeuter das Kind in einem Haus.
  • Drei Könige: Matthäus nennt weder eine Zahl noch Königswürden. Die Dreizahl wird meist aus den drei Geschenken abgeleitet, die Namen Caspar, Melchior und Balthasar kamen erst viel später auf.
  • Das Datum: Einen Geburtstag nennt keiner der Berichte. Ein Fest am 25. Dezember ist für Rom erst im 4. Jahrhundert belegt.

Wie die Krippe als Brauch in Kirchen und Wohnzimmer kam, zeichnen Brauchtumsforscher wie Manfred Becker-Huberti nach. Als frühes Vorbild gilt häufig die Weihnachtsfeier, die Franz von Assisi 1223 in Greccio mit einer Futterkrippe, einem Ochsen und einem Esel hielt. Kindern sagst du einfach: Manches steht im Buch, anderes haben sich Menschen später dazu ausgemalt. Beides darf in die Krippe.

Kurze Weihnachtsgeschichten für Kinder ab drei Jahren

Kleine Kinder lieben Wiederholung, wenige Figuren und ein gutes Ende, das sie kommen sehen. Beide Geschichten dauern vorgelesen etwa drei Minuten und lassen Platz zum Mitsprechen.

Die rote Mütze auf Reisen

Am Morgen vor Weihnachten ging Mila mit Papa zum Bäcker. Sie trug ihre rote Mütze mit der dicken Bommel. Da kam ein Windstoß, huiii, und die Mütze flog davon. „Meine Mütze!“, rief Mila.

Die Mütze flog über den Zaun und landete in einem Garten. Dort saß eine Amsel. Die Amsel zupfte an der Bommel und dachte: Was für ein warmes Nest! Doch da kam der Wind wieder, huiii, und die Mütze flog weiter.

Sie landete auf einem Ast. Dort saß ein Eichhörnchen. Das Eichhörnchen steckte den Kopf hinein und dachte: Was für ein weiches Versteck für meine Nüsse! Doch da kam der Wind wieder, huiii, und die Mütze flog weiter.

Sie landete vor dem Kindergarten, genau auf dem Kopf des Schneemanns, den die Kinder gestern gebaut hatten. Und da blieb sie. Der Schneemann sah sehr zufrieden aus.

Mila und Papa suchten überall. „Hat jemand meine Mütze gesehen?“, fragte Mila die Amsel. Die Amsel flatterte zum nächsten Zaun. „Hat jemand meine Mütze gesehen?“, fragte Mila das Eichhörnchen. Das Eichhörnchen sprang in Richtung Kindergarten. Mila lief hinterher, und da stand der Schneemann, mit Karottennase, Steinchenaugen und einer roten Mütze mit dicker Bommel.

Mila lachte und streckte schon die Hand aus. Dann überlegte sie. Der Schneemann hatte sonst gar nichts auf dem Kopf, und er sah so froh aus. „Weißt du was, Papa?“, sagte sie. „Er darf sie heute behalten. Heute ist doch Weihnachten.“ Papa nickte und wickelte Mila seinen großen Schal um den Kopf, der reichte zweimal herum.

Am Abend, als die Kerzen brannten, dachte Mila an den Schneemann. Am nächsten Morgen holten sie die Mütze zusammen ab. Sie war ein bisschen nass und roch nach Schnee. Mila fand, genau so roch Weihnachten.

Zum Mitmachen: Beim „huiii“ pusten alle, und bei der Frage nach der Mütze sprechen die Kinder mit.

Der schiefe Stern

Bei Oma in der Küche roch es nach Butter und Zimt. Jonas durfte zum ersten Mal selbst Plätzchen ausstechen. Oma hatte Herzen, Monde, Tannenbäume und einen Stern als Ausstecher. Jonas nahm den Stern. Er drückte fest, aber nicht gerade. Als er das Plätzchen aufs Blech legte, hatte der Stern vier ordentliche Zacken und einen, der ganz krumm zur Seite hing.

„Der ist kaputt“, sagte Jonas und wollte ihn zurück in den Teig kneten. „Warte“, sagte Oma. „Lass ihn mal mitbacken.“

Im Ofen wurden alle Plätzchen goldbraun. Die Herzen, die Monde, die Tannenbäume und die ordentlichen Sterne. Und der schiefe Stern auch. Durch die Ofenscheibe sah der schiefe Stern aus, als würde er winken.

Später kam der Zuckerguss. Jonas bestrich jeden Stern mit Weiß. Beim schiefen Stern nahm er extra viel, und weil der krumme Zacken so lang war, passten dort drei Zuckerperlen hin statt einer.

Am Weihnachtsabend stand der große Teller auf dem Tisch. Opa nahm sich als Erster ein Plätzchen. Er nahm nicht das schönste Herz und nicht den geradesten Tannenbaum. Er nahm den schiefen Stern. „Den hast du gemacht, oder?“, fragte er. Jonas nickte, ein bisschen rot im Gesicht. „Den erkenne ich sofort“, sagte Opa. „Die anderen sehen alle gleich aus. Der hier sieht aus wie du.“

Jonas überlegte, ob das gut war. Dann sah er, wie Opa den Stern ganz langsam aß, Zacken für Zacken, und den krummen ganz zum Schluss. Da wusste Jonas: Es war gut.

Zum Nachspüren: Frag dein Kind, was es selbst schon gemacht hat, das nicht perfekt aussah und trotzdem geliebt wurde.

Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen für Kinder ab sechs

Schulkinder mögen Geschichten, in denen Kinder selbst etwas anpacken. Beide dauern etwa vier Minuten.

Schnee aus Papier

Noah hatte einen Plan für Weihnachten, und der hieß Schnee. Er hatte ihn sich genau ausgemalt: morgens aufwachen, alles weiß, Schlitten raus. Jeden Abend im Dezember schaute er mit Mama auf den Wetterbericht. Jeden Abend stand da: Regen. Sieben Grad. Regen.

Am Tag vor Heiligabend gab Noah auf. Er saß am Fenster und sah zu, wie die Tropfen an der Scheibe herunterliefen. „Weihnachten ohne Schnee ist wie Geburtstag ohne Kuchen“, murmelte er.

Seine große Schwester Ida setzte sich neben ihn. Sie sagte nichts. Sie holte eine Schere und einen Stapel weißes Papier, faltete ein Blatt mehrmals, bis es ein kleines Dreieck war, und schnitt Zacken und Löcher hinein. Als sie es auffaltete, lag eine Schneeflocke auf dem Tisch, mit spitzen Armen und lauter kleinen Fenstern.

„Keine ist wie die andere“, sagte Ida. „Wie bei echten.“ Noah griff nach der Schere.

Sie schnitten den ganzen Nachmittag, große Flocken, winzige, eine mit Herzloch. Papa kam mit einer Rolle Nähgarn und hängte die Flocken an Fäden vor das Fenster. Mama klebte ein paar an die Tür. Am Abend lagen Papierschnipsel überall auf dem Teppich, weiß und klein, wie frisch gefallen.

„Nicht wegsaugen“, sagte Noah. „Das ist unser Schnee.“

An Heiligabend regnete es immer noch. Aber wenn die Lichterkette anging, drehten sich die Papierflocken langsam in der warmen Luft über der Heizung, und das Licht warf ihre Muster an die Wand. Noah lag lange auf dem Rücken und schaute zu.

Am Morgen des zweiten Feiertags weckte ihn Ida ganz früh. „Komm schnell!“ Draußen fielen Flocken, richtige, nasse, dicke Flocken. Sie blieben nicht liegen, nach einer Stunde war alles wieder grau. Noah stand trotzdem mit offenem Mund am Fenster.

„Siehst du“, sagte er zu Ida. „Unsere waren zuerst da.“

Das Licht im Hinterhof

Im Haus Nummer sieben war der Hinterhof im Winter der dunkelste Ort der Welt, fand Selin. Die Lampe über den Mülltonnen war seit Wochen kaputt, und in der Mitte stand eine kleine Tanne, die niemandem gehörte.

„Die sieht traurig aus“, sagte Selin zu Ben aus dem zweiten Stock. Ben zuckte mit den Schultern. „Ist halt ein Baum.“ Aber am nächsten Tag stand er mit einem Stern aus Goldpapier vor Selins Tür. „Für den Baum“, sagte er. „Aber du hängst ihn auf.“

Sie hängten ihn zusammen auf. Er war klein, und der Hof blieb dunkel. Doch am nächsten Morgen hing neben dem Goldstern ein roter Strohstern. Niemand wusste, von wem.

Am Tag danach baumelte ein Glöckchen an einem Zweig. Dann ein bemalter Tannenzapfen. Dann eine Schleife aus altem Geschenkband. Selin und Ben spielten Detektiv. Sie fanden heraus, dass die Schleife von Frau Petrović aus dem Erdgeschoss stammte, denn an ihrer Wohnungstür hing dasselbe Band. Den Tannenzapfen hatten die Zwillinge aus dem dritten Stock bemalt, das verrieten ihre grünen Finger.

Herr Brandt aus dem vierten Stock beschwerte sich sonst über jeden Ball, der gegen die Hauswand flog. Umso mehr staunten die beiden, als er eines Abends mit einer Leiter in den Hof kam. Er reparierte die Lampe über den Mülltonnen. Dann hängte er eine Lichterkette in die Tanne, deren langes Kabel aus seinem Kellerfenster kam.

„Damit hier keiner über die Tonnen stolpert“, brummte er, als Selin ihn fragte. Aber er blieb noch lange stehen.

An Heiligabend, als es dunkel wurde, gingen überall im Haus die Fenster auf. Die Tanne leuchtete, nicht sehr hell, aber hell genug, dass man die Sterne, Schleifen und Zapfen sehen konnte. Unten standen Nachbarn in Hausschuhen, jemand hatte Tee mitgebracht. Selin sah zu Ben. Er grinste.

„Und das alles wegen eines Sterns aus Goldpapier“, sagte er. „Nein“, sagte Selin. „Wegen allen.“

Für ältere Kinder: eine Wichtelgeschichte zum Selberlesen

Ab etwa neun Jahren lesen viele Kinder lieber selbst, als vorgelesen zu bekommen. Diese Geschichte spielt in der Schule und eignet sich auch zum Vorlesen in der Klasse, mit einer Gesprächsfrage am Schluss.

Ein Name im Lostopf

Als Frau Haller den Lostopf herumgehen ließ, hoffte Leni auf Paula oder wenigstens auf Mia. Sie zog einen Zettel, faltete ihn unter dem Tisch auf und las: Jakob.

Jakob war im September neu in die Klasse gekommen. Er saß hinten am Fenster, redete wenig und war in der Pause meistens irgendwo, wo Leni nicht war. Sie wusste über ihn genau drei Dinge: dass er aus einer anderen Stadt kam, dass er mit links schrieb und dass er bei Diktaten schneller fertig war als alle anderen. Kein guter Start für ein Wichtelgeschenk.

„Kauf ihm halt Schokolade“, sagte Paula. Leni fand das irgendwie feige.

Also beobachtete sie Jakob. Nicht auffällig, hoffte sie. In Mathe zeichnete er auf den Heftrand: Roboter mit zu langen Armen, einen Hund mit Astronautenhelm. In der großen Pause saß er auf der Treppe zum Musikraum und zeichnete weiter, in ein Heft, dessen Seiten schon ganz voll waren.

Zu Hause suchte Leni in ihrem Zimmer. Sie hatte ein dickes Heft mit festem Einband, das sie letztes Jahr bekommen und nie benutzt hatte, weil es zu schön zum Reinschreiben war. Dann nahm sie einen Bleistift und zeichnete auf die erste Seite einen Hund mit Astronautenhelm. Er sah eher aus wie eine Kartoffel mit Ohren. Darunter schrieb sie: Die restlichen Seiten sind für bessere Zeichner.

Am letzten Schultag vor den Ferien lagen alle Päckchen auf dem Pult. Jakob packte seins langsam aus. Er blätterte das Heft auf, sah die Kartoffel mit Ohren und lachte. Laut, so laut, dass sich die halbe Klasse umdrehte. Leni hatte ihn noch nie lachen gehört.

Er sah sich suchend um, und Lenis rotes Gesicht verriet sie sofort.

In den Ferien kam über Lenis Mutter, die Jakobs Mutter beim Elternabend kennengelernt hatte, ein Foto. Darauf: die erste Seite des Hefts. Neben die Kartoffel hatte Jakob einen zweiten Hund gezeichnet, ebenfalls mit Helm, der die Kartoffel an der Pfote hielt. Darunter stand: Mission zu zweit.

Nach den Ferien saß Jakob in der Pause nicht mehr allein auf der Treppe. Ob das am Heft lag, wusste Leni nicht genau. Vielleicht hatte sie einfach zum ersten Mal richtig hingeschaut.

Gesprächsfrage: Woran merkst du, was sich jemand wirklich wünscht, wenn er es nicht sagt?

Klassische Weihnachtsgeschichten: gemeinfreie Märchen kurz vorgestellt

Viele bekannte Weihnachtsgeschichten sind so alt, dass ihr Urheberrecht längst abgelaufen ist; in Deutschland endet der Schutz siebzig Jahre nach dem Tod des Autors. Achte trotzdem auf die Ausgabe: Eine neuere Übersetzung oder Bearbeitung kann eigenen Schutz haben, auch wenn das Original frei ist. Und längst nicht jeder Klassiker geht gut aus.

Hans Christian Andersen: „Der Tannenbaum“ (1844)

Ein junger Tannenbaum im Wald kann es kaum erwarten, groß zu werden. Sonne, Luft und der Hase, der über ihn springt, bedeuten ihm nichts. Als Spatzen ihm von geschmückten Bäumen in warmen Stuben erzählen, sehnt er sich nach Weihnachten. Sein Wunsch erfüllt sich: Er wird gefällt, mit Lichtern und Süßigkeiten behängt und erlebt einen glanzvollen Abend. Doch schon am nächsten Morgen landet er auf dem Dachboden, und am Ende wird er im Hof verbrannt. Erst jetzt begreift er, wie schön es im Wald war. Andersen veröffentlichte das Märchen im Dezember 1844, im selben Band wie „Die Schneekönigin“.

Eignung: eher ab acht Jahren. Das traurige Ende kann Jüngere bedrücken.

Hans Christian Andersen: „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ (1845)

Am letzten Abend des Jahres läuft ein armes Mädchen barfuß durch die verschneiten Straßen und versucht, Schwefelhölzer zu verkaufen. Niemand kauft etwas, und nach Hause traut es sich nicht. In einer Mauerecke zündet es zum Wärmen ein Hölzchen nach dem anderen an. In jedem Lichtschein sieht es etwas Schönes: einen warmen Ofen, einen gedeckten Tisch, einen prächtigen Weihnachtsbaum und schließlich seine verstorbene Großmutter, die es zu sich nimmt. Am Neujahrsmorgen finden die Leute das Kind erfroren in der Ecke. Erschienen ist die Geschichte Ende 1845 in einem Kalender, der schon die Jahreszahl 1846 trug.

Eignung: nicht für Kita-Kinder. Das Mädchen stirbt, und Andersen beschönigt das nicht. Ab etwa neun Jahren kann sie ein Gespräch über Armut und Hinschauen eröffnen; lies sie vorher allein.

Brüder Grimm: „Die Sterntaler“

Ein Waisenmädchen besitzt nur noch die Kleider am Leib und ein Stück Brot. Unterwegs verschenkt es alles an Menschen, die es nötiger haben: das Brot an einen hungrigen Mann, Mütze, Leibchen und Röckchen an frierende Kinder und schließlich im dunklen Wald sogar sein Hemd. Da fallen Sterne vom Himmel und werden zu blanken Talern, und das Mädchen trägt plötzlich ein neues Hemd aus feinem Leinen. Das Märchen stand schon in der Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1812, damals unter dem Titel „Das arme Mädchen“; seit der Ausgabe von 1819 heißt es „Die Sterntaler“.

Eignung: ab etwa vier Jahren, weil es kurz ist und gut endet. Weihnachten kommt darin übrigens gar nicht vor. Wegen des Themas Teilen passt es trotzdem in den Advent, ähnlich wie die Mantelteilung bei Sankt Martin.

Charles Dickens: „Eine Weihnachtsgeschichte“ (1843)

Der geizige Geschäftsmann Ebenezer Scrooge hält Weihnachten für Unsinn. In der Nacht vor dem Fest erscheint ihm der Geist seines verstorbenen Partners Jacob Marley und kündigt drei weitere Geister an. Sie zeigen Scrooge sein früheres Leben, das bescheidene Fest der Familie seines Angestellten Bob Cratchit mit dem kranken kleinen Tim und schließlich eine düstere Zukunft, in der niemand um Scrooge trauert. Am Morgen wacht er verwandelt auf und wird großzügig und herzlich. Das englische Original „A Christmas Carol“ erschien im Dezember 1843.

Eignung: im Original eher ab zehn bis zwölf Jahren, auch wegen der unheimlichen Geisterszenen. Die Botschaft, dass ein Mensch sich ändern kann, verstehen aber schon Grundschulkinder.

Weihnachtsgeschichte für den Kindergarten: Krippenspiel und Erzählfiguren

In Kita und Kindergarten wirkt die Weihnachtsgeschichte am stärksten, wenn Kinder sie sehen und anfassen können. Zwei Wege haben sich bewährt.

Erzählen mit Figuren: Du brauchst keine geschnitzte Krippe. Holzklötze, Filzfiguren, Kuscheltiere oder Wäscheklammern mit aufgemalten Gesichtern reichen. Ein dunkles Tuch wird zur Nacht, ein Schuhkarton zum Stall. Während du erzählst, bewegst du die Figuren, und die Kinder dürfen abwechselnd eine weitertragen. Schön ist es, wenn Maria und Josef jeden Adventstag ein Stück durch den Raum wandern und die Sterndeuter erst am 6. Januar ankommen.

Mini-Krippenspiel in fünf Szenen: Für eine Kita-Gruppe oder den Familienabend genügt eine Viertelstunde. Eine Sprechrolle hat nur, wer erzählt; alle anderen spielen und singen.

  1. Der Engel bei Maria: Ein Kind mit Tuchflügeln flüstert Maria die Nachricht ins Ohr.
  2. Die Reise: Maria und Josef gehen einmal im Kreis um alle Zuschauer, die anderen klopfen Schritte auf ihre Knie.
  3. Kein Platz: Drei Kinder stehen als Wirtsleute hinter Stühlen und schütteln den Kopf. Das letzte zeigt auf den Stall.
  4. Die Hirten: Hirten und Schafe schlafen auf dem Boden. Ein Engel weckt sie mit einem Glöckchen, alle singen ein bekanntes Lied.
  5. An der Krippe: Hirten, Engel und zuletzt die Sterndeuter mit einem Stern am Stab kommen zur Krippe. Jedes Kind legt einen Strohhalm oder Papierstern ab.

Wichtig: Kein Kind muss sprechen. Wer schüchtern ist, wird Schaf oder Stern, und auch das zählt. Kurze Verse, die einzelne Kinder trotzdem gern aufsagen, findest du bei den Weihnachtsgedichten. Ohne religiösen Bezug eignet sich „Das Licht im Hinterhof“ als Schattenspiel mit Taschenlampe.

Vorlese-Adventskalender: eine Geschichte in 24 Teilen

Statt Schokolade hinter jedem Türchen eine Fortsetzung: So wird das Warten auf Weihnachten zum gemeinsamen Ritual. Teile dafür eine Geschichte in 24 kurze Abschnitte von je drei bis fünf Minuten. Jeder Abschnitt sollte mit einer kleinen offenen Frage enden, damit die Kinder sich auf den nächsten Abend freuen.

So lässt sich die biblische Erzählung von oben auf die Adventszeit verteilen:

  • 1. bis 6. Dezember: Maria, Josef und der Engel in Nazareth. Erfinde kleine Alltagsszenen dazu.
  • 7. bis 12. Dezember: Die Reise nach Bethlehem, jeden Abend eine Station.
  • 13. bis 18. Dezember: Die Hirten auf dem Feld vor dem großen Ereignis. Etwa ein verirrtes Lamm.
  • 19. bis 23. Dezember: Ankunft in Bethlehem, die Suche nach einem Platz, der Stall.
  • 24. Dezember: Die Geburt und die Engel. Die Sterndeuter erzählst du als Fortsetzung nach Weihnachten bis zum 6. Januar.

Ohne religiösen Bezug klappt dasselbe mit einer eigenen Hauptfigur oder mit „Schnee aus Papier“, um neue Szenen erweitert. Am 6. Dezember darf der Nikolaus ein Türchen übernehmen, Verse dafür stehen bei den Nikolausgedichten. Wer lieber kleine Zettel mit Sprüchen und Aufgaben hinter die Türchen steckt, findet sie bei den Adventskalender-Sprüchen, und für die vier Sonntage gibt es passende Adventsgedichte.

Vorlesetipps: So kommt die Geschichte bei Kindern an

  • Vorher selbst lesen. Du merkst, wo Stellen zu lang, zu traurig oder zu schwierig sind, und kannst sie beim Vorlesen anpassen.
  • Stimmen sparsam einsetzen. Eine tiefe Stimme für Herodes, eine leise für den Engel genügt.
  • Fragen ernst nehmen. „Gab es Jesus wirklich?“ oder „Warum hat der Wirt sie nicht reingelassen?“ verdienen eine ehrliche Antwort. Sag ruhig, was du glaubst, und dass andere anders glauben.
  • Angst vermeiden. Herodes, Geister und erfrorene Kinder gehören nicht in den Gutenachtmoment eines Dreijährigen. Lass solche Teile weg oder erzähle sie bei Tageslicht.
  • Rituale schaffen. Dieselbe Kerze, derselbe Platz, dieselbe Decke: Gerade kleine Kinder lieben das Wiederkehrende mehr als die Abwechslung.
  • Danach noch spielen. Ein paar Fragen aus dem Weihnachtsquiz oder eine Runde aus den Weihnachtsspielen verlängern den gemeinsamen Abend.

Häufige Fragen

Wie erklärt man Kindern die Weihnachtsgeschichte?

Erzähle sie in kurzen Abschnitten, mit wenigen Figuren zum Anfassen, und beginne bei Vertrautem: eine lange Reise, ein Baby, kein Bett, Besuch in der Nacht. Die religiöse Bedeutung kannst du so beschreiben, dass Christen in Jesus ein Geschenk Gottes an alle Menschen sehen. Fragen beantwortest du ehrlich, notfalls mit „Das weiß niemand genau“.

Wo steht die Weihnachtsgeschichte in der Bibel?

Im Neuen Testament, an zwei Stellen. Die bekannte Fassung mit Reise, Krippe und Hirten steht im Lukasevangelium, Kapitel 2, Verse 1 bis 20; die Ankündigung durch den Engel Gabriel steht kurz davor in Lukas 1,26–38. Die Sterndeuter mit Gold, Weihrauch und Myrrhe kommen nur bei Matthäus vor, Kapitel 2, Verse 1 bis 12.

Ab welchem Alter verstehen Kinder die Weihnachtsgeschichte?

Ein festes Alter gibt es nicht. Einer sehr kurzen Fassung mit Bildern oder Figuren, also Baby, Stall, Schafe und Stern, können viele Kinder schon mit zwei bis drei Jahren folgen. Den Zusammenhang der ganzen Handlung erfassen sie erfahrungsgemäß im Kindergartenalter. Die religiöse Bedeutung beschäftigt Kinder oft erst in der Grundschule.

Welche Weihnachtsgeschichte eignet sich für den Kindergarten?

Für den Kindergarten passen kurze Geschichten mit klarer Handlung, Wiederholungen und gutem Ende: die biblische Geschichte mit Erzählfiguren, „Die Sterntaler“ oder eine der beiden Geschichten für Kinder ab drei Jahren in diesem Artikel. Ungeeignet sind Texte mit traurigem Ausgang wie Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzchen.

Wie lang sollte eine Vorlesegeschichte sein?

Für Kinder von drei bis fünf Jahren reichen drei bis fünf Minuten, das sind grob 300 bis 500 Wörter. Mit sechs bis acht Jahren dürfen es zehn Minuten sein, ältere Kinder hören auch längere Kapitel. Wird dein Kind unruhig, hör an einer spannenden Stelle auf und lies morgen weiter.

Fazit: Vorlesen ist das eigentliche Geschenk

Ob biblische Erzählung, Klassiker oder eine kleine Geschichte über eine rote Mütze: Kinder behalten weniger den genauen Wortlaut als den Abend, an dem jemand Zeit für sie hatte. Wähle die Geschichte nach Alter und Stimmung deines Kindes, gib Traurigem und Unheimlichem nur so viel Raum, wie es tragen kann, und trau dich, manche Fragen offen zu lassen.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. Luther, M. (Übers.) (1912): Die Bibel nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers, revidierter Text 1912. Privilegierte Württembergische Bibelanstalt
  2. Weber-Kellermann, I. (1978): Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. C. J. Bucher
  3. Becker-Huberti, M. (1998): Feiern, Feste, Jahreszeiten: Lebendige Bräuche im ganzen Jahr. Herder
Redaktionell geprüft von Laura Bergmann3 Quellen angegeben
Laura Bergmann

Laura Bergmann

Laura ist Psychologin und Beziehungsexpertin. Sie schreibt über Partnerschaft, Bindungsverhalten und Sexualität – immer ehrlich, fundiert und alltagsnah.

Seit 2024 · Beziehung, Sexualität, Bindungspsychologie

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